Was ich wissen kann – und was nicht

Ein Musiker kann mir zwar die Struktur von Bachs Toccata und Fuge in D-Moll auf der Partitur zeigen und mir manchen (theoretisch) hörbaren Effekt erklären, doch er kann mir nicht erklären, warum ich höre, was ich höre. Ein Akustiker kann mir wiederum aus seiner Perspektive erklären, warum ich etwas höre, doch was ich höre, das kann er mir auch nicht beschreiben. Niemand kann es. Und ich? Ich kann es auch nur hören, aber nicht beschreiben.

Es ist wie beim Auto-, Fahrrad- oder Motorradfahren. Ich oder auch ein anderer kann zwar beschreiben, was ich da tue, aber niemand kann mir sagen, wie ich es tue. Beschreiben kann ich immer nur das Sichtbare, das Ergebnis, nicht jedoch die Ursache, die ist immer im Dunkel – auch für mich, den Betroffenen. Ich „weiß“ also nie, warum ich etwas tue, ich kann nur wissen, welche Ergebnisse mein Tun bedingt. „Sehen“ kann ich nur das Ergebnis, nicht aber das, wovon es ausgeht. So kann ich auch kein Bewusstsein lokalisieren, aber ich kann beschreiben, was „mein“ Bewusstsein im Moment konkret tut, was mir also bewusst ist.

Das Ergebnis meines Handelns wie das eines anderen kann ich zwar beschreiben, nicht jedoch, warum ich oder der andere es getan hat. Frage ich mich etwa, warum ich gestern mein Bett nach dem Aufstehen gemacht habe, vorgestern aber nicht, dann werde ich die Antwort darauf schuldig bleiben und mir allenfalls ein paar mehr oder weniger oberflächliche Interpretationen abringen können, die tatsächlich jedoch nichts wirklich erklären. Ich kann immer nur das konkrete Ergebnis beschreiben, doch den Grund dafür, den kann ich nicht beschreiben. Wenn ich aus dem, was ich getan habe, Schlussfolgerungen ziehe, dann sind das immer nur Annahmen, nie jedoch grundlegende Erklärungen. Das Eigentliche bleibt also auch weiterhin im Dunkeln, bei mir wie bei anderen.

All das ist eigentlich kein Problem, wenn wir nicht in einer Kultur leben würden, in der man glaubt, alles erklären zu können. Doch wie wir heute wissen, kann man das leider nicht, nicht einmal die Materie folgt unserer mechanischen Vorstellung von der Welt. Und wenn wir schon Materie nicht erklären können, wie sollten wir dann uns selbst, unseren Geist und alles, was darauf zurück geht, erklären können? Mit anderen Worten: Ich kann zwar an den Ergebnissen meines Tuns erkennen, wenn etwas nicht „passt“, doch ich kann die Ursache dafür in mir selbst weder definieren noch erkennen, ich kann keinen „Grund“ dafür finden, wie ich eben bin. Allenfalls kann ich ein paar Verantwortliche benennen, im Zweifel mich selbst, doch das löst mein Problem garantiert nicht. Wie also kann ich etwas anders machen, ich aber überhaupt nicht weiß und auch überhaupt nicht wissen kann, was da in mir am werkeln ist?

Das Einzige, was ich tun kann, ist mich entsprechend zu schulen und aufzuhören mich zu fragen, warum ich es nicht oder eben falsch mache. Etwa jeden Morgen ordentlich mein Bett. Und hier ist genau der Punkt, wo wir Menschen und von der übrigen Natur unterscheiden. In der Natur „weiß“ jeder, was er zu tun hat. In früheren Zeiten gaben uns gesellschaftliche Traditionen und Verhaltensstrukturen vor, was „man“ zu tun hatte. Doch auch das verschwindet immer mehr, was bedeutet, dass wir immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen sind. Wir stehen vor dem Spiegel und sehen nur noch uns selbst. Dass wir so gerne auf andere schimpfen ist, würde ich mal sagen, nur ein Ablenkungsmanöver. Da ist kaum noch etwas, woran wir uns wirklich orientieren können – außer, wir orientieren uns von nun an uns selbst.

Die Frage ist, welche „Antworten“ uns Rückschlüsse geben. Bei technischen, wirklich mechanischen Vorgängen, können wir Rückschlüsse und den Auslöser definieren. Doch bei komplexen Systemen, also wirklich allem, was lebt, können wir das nicht. Wir können zwar sagen, was es bedeuten kann, wenn mich beispielsweise jemand nicht anschaut, doch den wirklichen Grund kann ich nie wissen. Bei mir selbst kommt noch etwas anderes dazu. Meine Problem ist ja, wenn Sie so wollen, wie bei jedem anderen auch, eine Konditionierung. Doch die kann ich allein durch eine andere, neue Konditionierung los werden. Doch es kann eine inhaltliche oder eben eine strukturelle Konditionierung sein. Und das macht einen gewaltigen Unterschied.

Das bedeutet, dass ich mir zuerst einmal darüber klar werde, welche Ergebnisse ich haben möchte. Dann muss ich klären, wie ich das ermöglichen kann und auch will. Habe ich das alles zusammengetragen, sowohl das Ziel und Weg, dann muss ich mich nur noch entsprechend schulen, solange, bis es mir zur neuen Selbstverständlichkeit geworden ist. Dann weiß ich zwar auch nicht, ob ich mich zukünftig exakt wie gedacht verhalten werde, aber die Wahrscheinlichkeit steigt definitiv. Und je präziser und je konsequenter ich bereit bin, mich zu schulen, desto wahrscheinlicher wird das avisierte Ergebnis auch in den Bereich des Möglichen kommen.

Ich habe dann zwar noch immer keine Garantie, aber es besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass es genau so oder ähnlich passieren wird.