Was ist die Welt überhaupt?

Wir machen uns zwar laufend Gedanken darüber, wie die Welt ist (und natürlich auch wir selbst), doch wir fragen uns oft nicht, was die Welt überhaupt ist. Wittgenstein beginnt seinen berühmten Tractatus Logico-Philosophicus mit dem Satz: ‚Die Welt ist alles, was der Fall ist.‘ Zeilinger hingegen sieht das wohl anders, in seinem Buch ‚Einsteins Schleier‘ ergänzt er diesen Gedanken mit ‚… und alles was der Fall sein kann.‘

Ich habe keine Ahnung, wer von beiden Recht hat, ich kann nur sagen, wie ich die Dinge sehe. In Wikipedia lese ich, dass man unter ‚Welt‘ all das verstehe, was ist. Der Begriff umfasst also keine Einzelerscheinungen, sondern eine Totalität. Der Begriff ‚Welt‘ wird sowohl als Begriff für die Gesamtheit alles Seienden verwandt, das Universum oder begrenzt auf den Planeten Erde. Spreche ich von ‚der Welt’, dann spreche ich nicht von der Welt an sich, sondern von dem, was ich wahrnehmen konnte, was aber nicht für jeden gleich ist.

‚Die Welt‘ ist also scheinbar immer nur das, was der Einzelne für sich wahrzunehmen in der Lage ist. Die Welt, in der ich und meine Frau leben, ist geprägt durch unsere Beziehung zueinander. Jeder von uns steuert Informationen bei, die wir dann in Beziehung zueinander setzen, jeder für sich. Doch das bedeutet nicht, dass die Welt nur eine Frage der Interpretation wäre, vielmehr ist es eine Frage der Gestaltung. Wie gestalten ich meine Welt, wie gestalten wir dann unsere Welt und so weiter und so fort. Die Art und Weise, wie ich mich und sie sich in Beziehung setzen, nicht nur zu dem Anderen, sondern zu allem, gestaltet unmittelbar die Welt, in der wir beide leben.

Es ist so, wie Wittgenstein in meinem Verständnis richtig sagt, die Welt ist, was der Fall ist; aber es stimmt auch, was Zeilinger sagt, denn unsere Welt muss nicht so sein beziehungsweise so bleiben, wir können sie auch ganz neu gestalten, alleine dadurch, dass wir unsere Beziehungen überdenken und uns eben anders in Beziehung setzen: Zu Eltern, Kindern, Nachbarn, Bekannten und so weiter uns so fort. Eben zu allem.

Genau genommen ist die Welt in permanenter Gestaltung, entscheidend ist dabei die Frage, ob wir immer wieder auf die altbekannten Information oder auf neue, aktuelle zurückgreifen. Unsere Welt ist also das, wie dieses System Johanna und Peter seine Beziehungen sieht und entsprechend gestaltet; die Welt ist demzufolge das, wie alle Menschen ihre Beziehungen zueinander sehen und gestalten – nicht definieren! Und zwar zu absolut allem. Es ist die Schnittmenge aller Beziehungen, nichts sonst.

Es geht also um Beziehungen, aber nicht nur. Die Frage ist auch, und das ist ganz wesentlich, auf welche Informationen ich dabei zurückgreife (und nicht etwa zurückgreifen kann oder könnte). ‚Meine Welt‘ ist der unmittelbare Ausdruck dessen, was ich denke, wie ich die mir zur Verfügung stehenden Informationen ordne, was wiederum meine Beziehungen definiert. Und ‚unsere‘ Welt ist die Schnittmenge von alledem. Die ‚Welt’ ist also letztlich ein Zusammenspiel von zur Verfügung stehender Informationen, aktuellem Weltbild und dem Verständnis von Beziehung.

Ganz schön komplex. Wie oft aber wähnen wir uns als Opfer der Umständen, des Schicksals, der Politik, anderer Menschen oder auch der eigenen Familie. Doch diese ‚Opfer-Haltung‘ ist schlicht und ergreifend eine Illusion angesichts der Tatsache, dass wir unsere Welt selbst ganz maßgeblich gestalten. Wie aber sagte Werner Heisenberg? „Die Beobachtung selbst […] wählt von allen möglichen Vorgängen den aus, der tatsächlich stattgefunden hat.“ Es ist also nicht nur unsere Entscheidung, welche Möglichkeit wir wählen, es ist auch unsere eigene Entscheidung und unsere eigene Wahl, ob wir unsere eigene Entscheidungs- und Wahlfreiheit sehen und uns darauf einlassen.

Nur ist das gar nicht so einfach, denn dummerweise ist es so, wie Gabriel Laub es einmal formuliert hat, zwar sehr sarkastisch, aber auch sehr treffend: „Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.“ Das passt (leider) zu dem Essay von Etienne de la Boétie ‚Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen‘. Wer kann andere Menschen auch besser durchschauen als ein späterer Richter? In dem Text vertritt er die These, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen einzigen nur solange möglich sei, wie die vielen sich unterwerfen, statt sich kollektiv zu widersetzen. Das Problem ist nur, dass es einem selbst nicht unbedingt offensichtlich ist, wenn das auf einen selbst zutrifft. Schließlich steht da der psychische Selbstschutz Gewehr bei Fuß, stets bereit, das Ego vor seiner Enttarnung zu schützen.

Sie sehen, die Welt ist nicht kompliziert, man muss nur komplex denken, dann steigt man schnell dahinter.