Was ist eigentlich ein Begriff?

Verwende ich einen Begriff, dann will ich nichts anderes, als einen phänomenalen Prozess beschreiben. Gehe ich ohne weiteres davon aus, dass ich auch wüsste, was der Begriff bedeutet, habe ich ein Problem, wenn ich eine epistemologische inkorrekte Bedeutung annehme, beziehungsweise unterstelle, dann denke ich eventuell in die völlig falsche Richtung, jedenfalls nicht in die, die der Begriff zu umschreiben sucht. Ich muss also zu allererst Begriffe auf ihre Herkunft untersuchen um diese dann im Weiteren auch zu verifizieren. Doch nehme ich den Begriff einfach als gegeben an und wende ihn mit meinem bisherigen Verständnis an, dann gehe ich von einer gedanklichen Vorstellung aus, der vielleicht ein völlig falsches Verständnis zugrunde liegt, das mit dem Begriff nichts zu tun hat. Also verifiziere ich einen Begriff stets dahingehend, ob seine epistemologische Bedeutung auch meiner eigenen Interpretation entspricht. Wie will ich sonst korrekt sprechen können?

Es ist eines der größten Probleme unserer Zeit, Begriffe oft nicht mehr zu hinterfragen. Die Frage ist nicht, was ein Begriff zu bedeuten scheint, sondern wie ich ihn verstehe. Verifiziere ich ihn auf seine epistemologische Bedeutung hin, habe ich einen Lehrmeister. Und mit dem muss ich nicht einmal auf Augenhöhe sein, was ich ja auch gar nicht sein kann, ich setze mich einfach mit dieser Meinung auseinander. Verstehe ich dann das Phänomen, das der Begriff „Meditation“ beschreibt immer noch nicht so, muss ich einen anderen Begriff verwenden, will ich sprachliche Klarheit bewahren. Ich übe mich also in Hermeneutik, eine Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens. Beim Verstehen verwenden wir ja Begriffe. Er ist in eine Welt von Zeichen und in eine Gemeinschaft eingebunden, die eine gemeinsame Sprache verwendet. Schließlich ist nicht nur in Texten Sinn, sondern in allen menschlichen Schöpfungen. Hört jemand Toccata und Fuge in d-Moll von Bach, finde ich es nicht respektvoll, wenn jemand im gleichen Raum einen Schuhplattler spielt. Der Respekt gebietet es, das Radio mit dem Schuhplattler auszustellen. Oder man einigt sich, was man zusammen hören will.

Jeder hat seine ganz eigene Hermeneutik, auch wenn das vielfach nicht bewusst ist. Wie auch immer, man muss sie respektieren. Und das zieht sich durch alle Lebensbereiche. Ich hatte kürzlich ein sehr interessantes Gespräch mit einem Bekannten, der wie ich in einem Internat aufwuchs, dabei aber ganz andere Erfahrungen machte. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Er war in einem erzkatholischen Internat in einer eher kargen Gegend, ich hingegen war in einem Internat, das nach Platons gerechtem Ständestaat wie seiner Ideenlehre konzipiert war und das in einer „satten“ Gegend lag. Alles klar? Das machte den Unterschied aus, der uns entsprechend differenziert prägte. Kein Wunder, dass ich noch immer sehr an Platons Gedankenwelt hänge. Seine Ideenlehre ist eine Gedankenform, mit der ich immer wieder zu für mich stimmigen Schlussfolgerungen komme, wobei ich die Erkenntnisse der Quantenphysik zusätzlich zwischen den Dingen und den Ideen einordne. Eine Idee ist für mich nur dann stimmig, wenn sie sowohl mit quantenphysikalischen Erkenntnissen sowie meinem inneren wie meinem äußeren Erleben übereinstimmt. Ich suche also immer auch die kosmischen Prinzipien in meiner philosophischen Welt abzubilden.

Epistemologie und Hermeneutik definieren also den gedanklichen Raum, in dem ich mich bewege, wobei ich hier unter „gedanklichem Raum“ den expliziten Denk-Raum verstehe. Doch allein durch die gedankliche Übernahme eines Zitats definiere ich zum einen meinen eigenen Denk-Raum nicht bewusst, zum anderen kann ich mir nicht sicher sein, ob der Zitierte das auch exakt so gemeint hat, wie ich es verstehe. So bin ich immer wieder verwundert, wie Philosophien gemischt werden wie ein Kartenspiel. Und je nachdem, wie man glaubt, dass man damit einen Stich machen könnte, wird dann eine Karte ausgespielt. Etwa dieses Zitat von Niels Bohr: ‚Ich kenne die Lösung nie. Ich kenne immer nur die Spannung zwischen zwei Positionen, die sich gegenüber stehen, und diese Spannung muss ich aushalten. An ihr muss ich mich erfreuen, um mich weiterzuentwickeln.‘

Ich weiß nicht, ob man dieses Zitat als eine Bestätigung für das Prinzip von These, Antithese und Synthese ansehen kann, oder ob er damit etwas ganz anderes sagen wollte, so wie etwa sein Vergleich der Sprache mit dem Spülen von Geschirr. Er hielt ja die Sprache für nicht wirklich geeignet, um quantenphysikalische Beobachtungen zu beschreiben, so wie auch Spülwasser und Geschirrtücher selten lupenrein sauber sind, man aber trotzdem sauberes Geschirr damit hinbekommen kann. Also ist dieses Zitat doch nur vor dem Hintergrund der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik verständlich. Ich sehe darin gerade nicht das Prinzip von These, Antithese und Synthese, sondern die Prinzipien der Relevanz der Beobachtung wie die Relevanz der Wahrscheinlichkeit. Allein davon auszugehen kann mein Denken ganz schön in Schieflage, wenn nicht sogar zum Einsturz bringen.

Wir bewegen uns scheinbar neutral in der Welt unserer Sprache. Doch das ist ein gewaltiger Irrtum. Sprache ist erst einmal so, wie sie eben ist, doch das bedeutet nicht, dass sie nicht unterschiedlich verstanden werden kann und auch verstanden werden muss! Ich gebrauche beispielsweise sehr oft das Wort „müssen“ oder „muss“, genauso wie ich für manche regelrecht autoritär daherkomme – was ich aber überhaupt nicht bin. Zu dieser „falschen“ Interpretation kann man nur kommen, wenn man den gedanklichen Hintergrund nicht genau betrachtet, genauso, wie sich viele vor Bakterien zu schützen suchen, dabei aber nicht bedenken, dass ein Mensch 39 Billionen Bakterien in sich beherbergt. Was schädlich erscheinen mag ist es vielleicht gar nicht, was aber nicht bedeutet, dass alles „gut“ wäre. Diese Art der Beliebigkeit findet sich immer wieder, die oft mit unangreifbar emotional aufgeladenen wie interpretierten Begriffen regelrecht untermauert ist. „Augenhöhe“ ist ein solcher Begriff. Wer kann dagegen schon etwas haben? Doch es ist ein Unfug zu glauben, dass man auch auf „Augenhöhe“ diskutieren kann! Da muss (!) dann schon etwas hinzu kommen, will man ernsthaft auf Augenhöhe diskutieren.

Doch es geht noch weiter, denn bei dem Verständnis eines Begriffes spielt die Konnotation eine ganz wesentliche Rolle. Es handelt sich dabei um einen über die eigentliche Bedeutung des Wortes hinausreichenden, assoziativen, wertenden oder emotionalen Gedanken, den ein Begriff aufgrund seiner üblichen Verwendung oder seines Klangs transportiert. So kann die Feststellung, ich „sei ein Hund“ sehr wohl negativ verstanden werden, doch wenn in Bayern jemand über mich sagen würde, dass ‚ich schon ein Hund sei‘, dann würde ich das wohl eher mit einem leisen Grinsen beantworten und mich geehrt fühlen, schließlich ist das im Verständnis eines Bayern ein echtes Kompliment. Nur versteht das nicht jeder gleich, eben wegen der Konnotation. Wir haben jetzt Anfang November und Weihnachten naht, was den Musikgeschmack vieler weihnachtlich konnotiert, ohne dass dies unbedingt mit christlichem Glauben in Verbindung gebracht würde. Was aber falsch ist, denn das schwingt mit, nur ist man sich dessen selten wirklich bewusst. Auch Bilder und Musik sind konnotiert, sie transportieren eine oft verborgene Botschaft.

Aber das macht auch vor Familien keinen Halt. Die Konnotation einer Familie spiegelt sich in ihrer Sprache, ganz zu schweigen von all den verdeckten „Sei-Still-Botschaft“, wobei das durchaus auch ein Familiengeheimnis sein kann. Doch das ist eben leider sehr selten überhaupt bewusst. Nur ist auch das noch nicht das Ende, es geht weiter in und mit der Konvention. Die Konvention zeichnet sich ja dadurch aus, dass man nicht das sagt, was man wirklich denkt, einfach um den anderen nicht zu brüskieren oder in Verlegenheit zu bringen. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, mehr aber auch nicht: Sie sind höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Und das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Konnotation der Begriffe. Kann die Kommunikation in einer Gruppe, die sich in dem konventionellen Raum begegnet, jemals „echt“ sein? Ich behaupte, das kann sie nicht, denn dann ist der Fehler schon durch den Kontext eingewebt, nämlich den konventionellen Raum.

Die Radikalen Konstruktivisten setzen dem noch die Krone auf, indem sie davon ausgehen, dass Realität nicht objektiv festgestellt werden kann. Wenn es keine Objektivität gibt, nur Subjektivität, umso mehr muss ich mich im Gespräch oder einer Auseinandersetzung um die Klarheit der Sprache bemühen. Ich muss mich ständig fragen, ob wir bezüglich der Wahrnehmung überhaupt übereinstimmen, die den verwendeten Begriffen zugrunde liegen. Da können Gespräche ganz schön anstrengend werden. Doch seit ich mich vermehrt mit der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik beschäftige, komme ich mit dem Verfechten des Radikalen Konstruktivismus ein wenig ins Stolpern. Aber die Kopenhagener Interpretation macht es nicht wirklich einfacher, denn irgendwie scheint da die Grenze fließend zu sein.  Nur dabei bin ich mir nicht sicher. Also gehe ich dem weiter auf den Grund. Meist wirkt es ja nur schwerer als das bisher Gedachte, weil ich es noch nicht so richtig begriffen und auch noch nicht vollständig in mein Denken integriert habe.

Ein Begriff ist für mich also erst dann „gültig“, wenn ich auch den Kontext verstehe, in dem er gebraucht wird.