Was ist gut und was ist böse?

Es gibt weder Gutes noch Böses, nur Dinge, die nach meiner Einschätzung gut oder böse sind. Wohl gemerkt, nur nach meiner Einschätzung. Doch das bedeutet nun absolut nicht, dass es beliebig wäre, was ich tue. Ich muss mich also an einen Maßstab halten, der nirgends festgelegt ist und den ich doch zu beachten habe.

In dieses Dilemma hat mich das Sich-selbst-bewusst-Sein des Menschen gebracht. Und da komme ich auch in einem Flow-Zustand nicht heraus, denn dieser Mechanismus ist sozusagen immer dabei. Ich denke zwar nicht bewusst darüber nach und auch, wenn es idealerweise gerade kein Ich gibt, dass sich fragen könnte, was jetzt zu tun wäre, so sind doch diese inneren, geistig-mentalen Ordnungsstrukturen immer da. Und die prägen mich nun einmal. Genauer gesagt mein Verhalten.

Viele psychische Zustände sind im gewöhnlichen Verständnis mit dem Etikett „Positiv!“ versehen, doch tatsächlich sind sie neutral. Kreativität beispielsweise. Auch ein äußerst destruktiver Mensch kann in seinen Taten fraglos ausgesprochen kreativ sein. Ob ich das jetzt gut finde oder nicht, das ist eine Frage meiner inneren Einstellung dazu. Wenn etwas, zum Beispiel ein Gedanke, egal ob eigener oder fremder, sich zu manifestieren beginnt, schleicht er sozusagen durch mein Gehirn und sucht sich ein angenehmes Fleckchen, wo er sich niederlassen könnte. Also in einem Ordnungssystem. Und je aktiver ein solches System ist, desto attraktiver erscheint es auch. Nicht, weil es das verdient hätte, sondern einfach, weil es aktiver ist. Allein die Stärke der Aktivität bedingt die Attraktivität.

Bin ich mir dessen nicht bewusst, bin ich mir also des grundlegenden Ursprungs dessen, was mich geistig ausmacht nicht im Klaren, dann verfange ich mich blitzartig darin und gebe die Freiheit auf, auch etwas ganz anderes entstehen lassen zu können, den Gedanken also anders einzusortieren, anders zu etikettieren. Sehe ich hingegen die Dinge  nicht als gegeben und das Existierende beides gleichermaßen als real an, nicht nur entweder das eine oder das andere, dann habe ich die Freiheit der zu sein, der ich bin, denn dann bin ich (!!!) nicht definiert, sondern gestalte mich selbst, indem ich das stimmige Ordnungssystem für meine und auch für mich fremde Gedanken suche.

Was also ist zu tun? Ganz einfach, für die richtigen Strukturen Sorge zu tragen und stimmige Ordnungssysteme zu installieren. Für mich, versteht sich, nur für mich. Für einen anderen kann ich nicht entscheiden. Doch das bedeutet nicht, dass ich sie nicht auch immer wieder überprüfen und anpassen könnte und sollte, wenn sie nicht mehr stimmig sind, was ich auch tue. Doch das kann ich nicht „spontan“ tun, dafür muss ich mir immer wieder Zeit für die Reflexion nehmen, um mein Denken zu überprüfen und gegebenenfalls zu schulen, genauer die Struktur meines Denksystems zu betrachten. Doch dann ist Schluss mit denken, vor allem mit nachdenken. Nur noch machen. Und ich schreibe jetzt auch nicht „Aber richtig!“ dahinter. Denn darauf habe ich im Tun keinen Einfluss mehr. Was ich dafür tun kann, kann ich nur vorher tun. Wenn ich aber mache, läuft das automatisch ab, so, wie ich eben die Voreinstellung gewählt habe.

Im Ch’an sagt man, es gibt Handlung, aber keinen Handelnden und einen Erfahrenden, aber keine Erfahrung. Genau das lässt sich bei der Reflexion von gut und böse erkennen.