Was ist nur mit unserer Gesellschaft los?

Ja, wer fragt sich das nicht bei dem, was man tagtäglich in den Nachrichten hört und liest? Kürzlich bin ich in einem Gespräch wieder einmal auf das Thema gestoßen, ein Gespräch, in dem es vordergründig um etwas völlig anderes ging, nämlich um die Frage, ob ein Arschloch ein Arschloch sei. Es drehte sich dabei nicht um die Frage, was derjenige getan hat, sondern allein um die Frage, woher man sich das Recht herausnimmt, jemanden so zu nennen.

Gute Frage, oder etwa nicht? Niemand hat meines Erachtens nach das Recht, einen anderen so zu nennen. Es ist alleine eine subjektive Meinung und nichts anderes. Und auch wenn eine ganze Gruppe der selben Ansicht ist, ändert das nichts daran. Dass viele dieselbe Meinung haben, macht es nicht richtiger. Richtig kann es in meinem Verständnis nur sein, wenn alle übereinstimmen, aber nicht dem zugedachten Titel, sondern über die zugrundeliegende Handlung. Und wenn ich alle schreibe, meine ich auch wirklich alle. Ausnahmslos.

In einer Gesellschaft, die so ziemlich alles in Kategorien und Schubladen, in Gut und Böse, in Schuld und Unschuld trennt, ist es schwer miteinander zu reden. Wir sind es einfach nicht gewöhnt, auch grundsätzliche Differenzen zu klären. Natürlich gibt es Dinge, bei denen es keine Diskussion gibt; vorausgesetzt natürlich, es gibt darüber ein Kommitment, eine gemeinsam getroffene Vereinbarung. Nun ist es in unserer Gesellschaft sehr schwierig geworden, ein wirkliches Kommitment zu vereinbaren.

Aber schreiben es uns nicht die Religionen und weise Menschen seit geraumer Zeit ins Stammbuch, dass wir endlich respektvoller miteinander umgehen sollten und den anderen nicht als Feind ansehen dürfen? Und blasen nicht Quantenphysiker wie Biologen und andere mittlerweile in das gleiche Horn? Sagen sie uns nicht, etwa Einstein, dass wir endlich aufhören müssen, andere auszugrenzen, einfach deshalb, weil das widernatürlich ist?

Es ist keine Frage, dass man nicht mit jedem auskommt. Aber das heißt nicht, dass ich das Recht hätte, ihn oder sie sonst wie zu nennen. Wie wäre es, dem anderen einfach einmal aus dem Wg zu gehen und eine andere Strategie zu überlegen? Schließlich gestalten wir durch unser Denken die Wirklichkeit. Sagen uns die Quantenphysiker. Doch wenn das so ist, dann sollten wir erst einmal das eigene Denken genau untersuchen, bevor wir die mentale Keule hervorholen.

Es gibt wesentlich mehr Optionen, als wir gemeinhin denken. Doch erst einmal müssen wir von der emotionalen Palme herunterkommen. Doch wie kann ich die Gesellschaft verstehen, wenn ich den Einzelnen nicht verstehen, sondern lieber über ihn urteilen will? Und wie will ich die Gesellschaft verändern können, wenn ich sie nicht verstehe? Doch um den Einzelnen verstehen zu können, muss ich mich verstehen. Mich, den Anderen, die Gesellschaft. In dieser Reihenfolge.

Obwohl, es ist die Frage, ob die Gesellschaft dann noch verändert werden müsste. Die Gesellschaft ist nur der Ausdruck des Systems Menschheit. Wenn jeder wüsste, wie er ist, wo wäre dann noch das Problem? Wenn ich wirklich weiß, was ich bin, würde ich dann noch etwas tun, was dem entgegenstünde, nicht im Einklang mit mir selbst wäre? Genau! Die Schwierigkeit ist ganz klar zu sehen, was man ist. Solange wir das aber nicht wissen, versuchen wir es zu managen.

Ich darf die Gesellschaft nicht managen wollen, sondern verstehen.