Was läuft eigentlich falsch?

Ganz eindeutig, ich muss bereit sein zu sehen, was falsch läuft. Jedoch nicht bei den anderen, sondern bei mir selbst. Das ist keine philosophische Erkenntnis, sondern eine sehr persönliche Einsicht.

Es hatte lange gedauert, bis ich mich nicht mehr mit ‚den Anderen‘ oder meinen Eltern beschäftigte, sondern mit mir selbst. Und ich merkte, dass ich im Grunde selbst so war wie sie, auch wenn ich gegen sie war. Denn ich dachte mit einer identischen Struktur. Was ja auch logisch ist, denn die hatte ich von kleinauf bei ihnen gelernt.

Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto bewusster wurde mir, dass ich tatsächlich mit der selben Struktur dachte wie sie auch. Und das, obwohl wir völlig verschiedene Ansichten und Überzeugungen hatten. Ich will das an dem Beispiel Mobilität versuchen zu verdeutlichen. Die einen Nachbarn haben einen Kombi, die anderen auch, nur eine andere Marke, andere wiederum fahren einen SUV, wieder andere einen Kleinwagen.

Total unterschiedlich, in der Tiefgarage stehen glaube ich nicht einmal 2 identische Autos. Doch sie fahren alle Auto. Die Struktur der Mobilität ist also identisch, nur die Inhalte sind unterschiedlich. Aber nur fast, denn es gibt zwei junge Familien, die eine andere Mobilitätsstruktur haben. Die besitzen, trotz kleiner Kinder, überhaupt kein Auto.

Und so ist es ganz oft auch bei unseren Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. Selbst wenn die extrem unterschiedlich sind, bedeutet das noch lange nicht, dass auch die Struktur des Denkens anders wäre. Der eine ist ein Anhänger der SPD, der andere einer der CDU / CSU. Und die können sich bis auf die Knochen streiten. Doch sie haben die selbe Grundstruktur, nämlich die Notwendigkeit der politischen Parteien. Und letztlich geht es darum, sich durchzusetzen. Nur leider fühlt sich  das derart ‚richtig‘ an, hier also die Notwendigkeit politischer Parteien, was einen dummerweise seine eigene Denkstruktur nicht hinterfragen lässt. Würde man radikal anarchistisch denken, wären Parteien an sich ein Problem. 

Dass wir also oft von dem Selben ausgehen, obwohl wir ganz unterschiedliche Ansichten haben, das ist so, da wir uns selbst dieser Struktur sehr, sehr selten überhaupt bewusst sind. Streiten sich zwei mit dem selben Denkfehler, werden sie nie eine wirkliche Lösung finden. Man muss also bereit sein, dem eigenen Denken wirklich auf den Grund zu gehen. Bei mir hat es damit angefangen, dass mir die Überlegungen der radikalen Konstruktivsten über den Weg liefen. Als mir klar wurde, dass ich die Dinge, die ich wahrnehme, tatsächlich nicht sehe, rieche, höre, schmecke oder fühle, sondern eben denke, seither bin ich vorsichtig mit meinen Urteilen über andere und dem ‚im Recht sein’ geworden.

Dass ich den Baum im Garten, den ich gerade anschaue, nur durch eine Denkleistung sehe, ist für mich mittlerweile absolut logisch, was jedoch nicht bedeutet, dass es mir auch immer bewusst wäre. Da muss ich noch dran arbeiten. Wir tun etwas ganz selbstverständlich, eben Wahrnehmen, doch wie wir das überhaupt machen reflektieren wir sehr, sehr selten. Das können wir uns nur sehr schwer vorstellen. Also mir geht es so.

Es war für mich gleichwohl wie ein Sechser im Lotto, dass ich überhaupt damit anfing, meine Wahrnehmung zu hinterfragen. Sonst hätte ich wohl nie einmal über einen solchen Gedanken wie diesen aus dem Lankavatara Sutra nachgedacht: „Was außen zu sein scheint, existiert in Wirklichkeit nicht; es ist tatsächlich nur der Geist, der in der Vielfältigkeit erblickt wird; Körper, Besitz und Welt – sie alle sind nichts als Geist.“ Verstanden habe ich das zwar, aber ich halte noch sehr, sehr oft das, was ich sehe, für etwas Äußeres und nicht etwas Inneres, etwas das ich ‚nur‘ denke.

Die Welt ist nicht so, weil sie so wäre, wie ich sie wahrnehme, sondern sie ist so, weil ich wahrnehme, was ich denke. Früher habe ich immer nur bis zur Quantenpampe gedacht, mittlerweile denke ich auch darüber hinaus. Doch verstehen tue ich es noch nicht so wirklich. Und genau das ist es leider, was manche wohl dazu verleitet, wieder zu glauben, die Welt wäre exakt so, wie sie denken, einfach, weil man dann nicht so schnell Knoten in den Kopf bekommt.

Das wird nicht einfacher dadurch, das ja nicht nur ich die Welt denke, sondern alles andere auch. Und nicht nur wir Menschen! Was die unbeantwortbare Frage aufwirft, was dieser Geist ist. Dass wir die Welt ‚nur‘ denken bedeutet ja nicht, dass sie unwirklich wäre. Wir denken sie eben nur. Ein Hinweis darauf, dass ich verdammt aufpassen sollte, was ich persönlich so denke und wovon ich überzeugt bin.

Denn genau so ist dann auch die Welt, in der ich lebe, aber irgendwie nicht nur ich, sondern auch die anderen, die mit mir zu tun haben.