Was läuft falsch in der Welt?

Nein, es ist nicht das, was viele denken. Es ist dieses ständige Gegeneinander-Sein. Warum kamen die 68 nicht weiter als bis mittlerweile zur Rente, weshalb hat die Friedensbewegung keinen wirklichen Frieden in der Welt erreicht und wieso läuft die Klimaschutzbewegung der jungen Generation Gefahr, ihre Ziele zu verfehlen? 

Weil sie meiner Meinung nach alle den gleichen Fehler machen. Sie trennen etwas Ganzes auf in die Guten und die Bösen. Und das ist ein fataler Fehler. Denn die Welt ist Eins, so wie Ich für mich gesehen Eins bin. Mit welchem Recht kann ich daher sagen, dass etwas dazu gehört und etwas anderes nicht? Würde ich das bei mir selbst auch sagen? Niemals! 

Betrachten wir einmal den idealen Zustand: Die Natur. Auch hier frisst der eine den anderen. Weil auch Tiere Hunger haben. Und es gibt eben nichts anderes zu fressen. Aber dieses „Fressen und Gefressen werden“ läuft in Bahnen ab, die dem Ganzen dienen. Das, was notwendig ist, geschieht. Nie reißt ein Wolf irgendein Tier, sondern zuerst ein schwaches oder krankes. Und hilft so, den Bestand zu erhalten. Alles hat seinen Sinn. Doch kein Wolf würde einen anderen seiner Gruppe töten. Warum aber kämpft der Mensch gegen sich selbst? Es ist die Art, wie viele die Welt sehen. Wir sehen die Welt falsch, wenn wir sie nicht vollständig sehen, nämlich als Eins.

Die Natur macht sich um solche Dinge keine Gedanken, sie lebt in den Gesetzmäßigkeiten der Welt. Der Mensch aber nicht mehr. Warum? Keine Ahnung, aber er tut es nicht, oder nicht mehr. Was also ist der Denkfehler, den es zu überwinden gilt? Albert Einstein hat es mit einem Gedanken ausgedrückt, über den wir ernsthaft nachdenken sollten. Täuschen wir uns selbst über die Wirklichkeit, weil wir sie so wahrnehmen, wie wir denken, nicht, wie sie ist? Er sagt:

»Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. 

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen. 

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.« 

Wir dürfen uns nicht bei der Frage aufhalten, warum wir so denken, wir denken nun einmal so. Aber das können wir ändern und die Welt sehen, wie sie wirklich ist: Untrennbar Eins. Die Wirklichkeit ist unteilbar, sie lässt sich nicht unterteilen in Gut oder Böse. Betrachten Sie einmal nur Ihre eigene Lunge: Wo hört sie auf? Oder Ihren Körper! Er würde nicht existieren, gäbe es die Welt und das gesamte Universum nicht.

Es ist die Existenzielle Dichotomie des Menschen, unter der er leidet. Der Mensch befindet sich nicht mehr in Harmonie mit der Natur, er ist zwar in physischer Hinsicht weiterhin ein Teil von ihr, dennoch steht er geistig und gedanklich neben und nicht über ihr. Dieser Widerspruch lässt den Menschen leiden, er hat seine Harmonie verloren, er muß seinen Weg alleine gehen. Diese Dichotomie nennt Erich Fromm existenziell, weil jeder Mensch ihr zwangsläufig unterliegt, er hat keine Wahl. So ist der Mensch auch der Dichotomie von Leben und Tod unterworfen, einfach, weil er sich dessen bewusst ist. Der Mensch weiß, daß sein Tod unausweichlich ist und dennoch ist er sich bewusst zu leben. 

Hier wird deutlich, daß der Mensch scheinbar im Spannungsverhältnis zwischen zwei Polen steht wie z.B. Leben und Tod, Gut und Böse, Liebe und Haß oder Freude und Trauer. Doch das ist nicht wirklich so, es ist nur eine Interpretation. Doch wenn wir diese Interpretation ignorieren, sie nicht wahrnehmen als das, was sie ist, bleiben wir in ihr gefangen, statt nach Lösungen zu suchen. Diese Art die Welt zu sehen lässt uns etwa eine Blume oder einen Baum sehen, aber sie lässt uns oft nicht den Prozess wahrnehmen, der die Blume oder den Baum zu dem hat werden lassen, der sie sind. Mit anderen Worten: Wir sehen das Ganze nicht. Wir sind gefangen in unseren Gedanken, die alles in Teile zerlegen, was zusammen gehört und bewirken eine unnatürliche Trennung. 

Dabei erwecken unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken den Eindruck, alles so wiederzugeben, wie es tatsächlich wäre. Doch die Menschheit gedanklich in Nationen zu zerlegen führt zu gewaltsamen Nationalismus, zu Unruhen und zu Krieg. Die Aufteilung der Welt in Nationen ist unnatürlich. Nur weil sich eine Gruppe, ein Staat als Einheit versteht, als etwas Besonderes, entsteht das aberwitzige Bedürfnis, sich vor den anderen zu schützen. Die Vorstellung etwas Getrenntes als abgeschlossene Einheit zu verstehen ist falsch und auch widersprüchlich, sie ist eine Illusion. Und sie ist destruktiv, denn sie verhindert die richtigen Lösungen zu erkennen.

Was aber heißt das für uns? Es heißt, dass selbst dann, wenn wir glauben, dass der andere etwas falsch macht, wir ihn nicht bekämpfen dürfen, ihm nicht das Recht zu sein absprechen dürfen. Wenn uns jemand angreift, müssen wir Stop sagen, keine Frage, doch nie dürfen wir selbst einen einen anderen angreifen. So, wie es uns etwa Aikido lehrt. Und das heißt in aller erster Linie miteinander zu reden. Doch was tun, wenn der andere sich weigert und damit fortfährt, etwas zu tun, was mir selbst schadet? Beginnen wir damit, dass wir nicht den Anderen bekämpfen, sondern seine Taten. Allein das bedingt ein vollkommen anderes Verhalten meinerseits. Und vorher werde ich auch genauestens prüfen, ob ich selbst nicht etwas bei mir selbst ausblende und ignoriere. Zu aller erst muss ich selbst meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden, bevor ich über die Taten eines anderen urteile – aber niemals über ihn!

Es geht um Handlungen, nicht um Menschen. Mir ist eine Lehre, dass genau das viele derer ignorierten, die in der 68-Bewegung aktiv waren. Sie haben das Leben des Einzelnen nicht geachtet und sie haben auch ihre Ansprüche nicht an sich selbst gerichtet. Das sollte uns allen eine Lehre sein.