Was manche Probleme unlösbar erscheinen lässt

Ganz einfach, weil ich sie bisher wahrscheinlich mit der falschen (Denk-) Strategie zu lösen suchte. Wenn ich mal nicht so tue, als hätte ich alles im Griff, sondern mich ernsthaft darauf konzentriere, wie ich die sich mir bisher in meinem Leben stellenden persönlichen Probleme gelöst habe, dann muss ich ehrlicher Weise sagen: „Keine Ahnung!“ Wie habe ich es angestellt, meine Haut und die Gefäße an meinem Hals nach der Operation wieder zusammenwachsen zu lassen? Oder wie habe ich die Bazillen bei meiner letzten Erkältung wieder aus mir herausbekommen? Keine Ahnung! Aber, und das ist das absolut Wichtige, ich konnte es!

Die zwei Denkweisen in der Medizin

Noch einmal zurück. Ich musste operiert werden, hatte eine Carotisstenose. Die Chirurgen nahmen ihren Werkzeugkasten und gingen an ihr Werk, um die Engstelle zu beseitigen. Sie machten das richtig gut; doch wie machten sie das genau? Sie behandelten mich im wesentlichen (was jetzt absolut nicht negativ gemeint ist!) wie mein Motorradschrauber mein Motorrad behandelt. Eben mechanisch. Doch die Wunde heilte nicht mechanisch, sondern ganz anders. Doch wie? Ich denke mal, dass die beteiligten Zellen das Problem auf der Beziehungsebene zu- und miteinander gelöst haben. Sie haben sich wieder geschlossen (!!) formiert und die Wunde ist mittlerweile wieder zu.

Nur, wie haben sie das gemacht? Um das zu verstehen, gehe ich einmal auf eine ganz kleine Ebene, die atomare Ebene. Aus mehreren Atomen wird ja nur deswegen ein Molekül, weil die Atome in sich eine ideale Beziehung haben wollen, damit sie sich selbst richtig gut fühlen können. Doch ein einzelnes Atom hat da so seine Schwierigkeiten, denn damit sich ein Atom so richtig gut fühlt, braucht es eine bestimmte Anzahl von Elektronen auf seiner äußeren Hülle. Die hat es aber nicht, denn es fehlen ein paar. Also sucht es sich andere Atome, die genau so viele Elektronen haben wie es selbst bräuchte – und alle sind glücklich, weil jedes einzelne Atom rechnerisch die ideale Anzahl Elektronen hat.

Immer wieder geht es um Beziehung

Jedoch eben nur, wenn sich das Atom mit anderen zusammentut, sie nutzen die ihnen fehlenden Elektronen von den anderen, damit es ihnen selbst gut geht. Nur bei den Edelgasen ist das anders, die haben nämlich schon eine volle Außenschale. Alle anderen nicht. Darum suchen sie nach einer passenden Beziehung, ein Chemiker würde Bindung dazu sagen. Bei chemischen Bindungen werden Elektronen aufgenommen, hergegeben oder auch geteilt. Und wie bei jeder Beziehung geben Atome etwas her, bekommen dafür aber auch etwas. Und wenn das klappt, sind alle zufrieden. Das Wichtige ist zu sehen, dass es sich dabei um ein grundlegendes Prinzip bei lebendigen Prozessen handelt.

Mechanischen Maßnahmen wie die operative Entfernung meiner Carotisstenose brauchen also letztlich die körperinterne Beziehungsarbeit, wenn ich wieder gesund werden soll. Übersehe ich dies und versuche einen solchen „gemischten“ (Heilungs-) Prozess nur mit einer Art des Denkens beziehungsweise des Verständnisses anzugehen, dann habe ich ein ernsthaftes Problem. Durch Handauflegen wäre meine Carotisstenose kaum verschwunden, doch ohne die Beziehungsarbeit innerhalb meines Körpers wäre die OP nicht gut verlaufen. Was natürlich die Frage vollständig ausklammert, wie die Stenose überhaupt entstehen konnte – das ist nämlich kein mechanisches Problem, sondern ein Beziehungsproblem innerhalb meines Organismus.

Worum geht es, um Beziehung oder Mechanik?

Habe ich ein Problem, muss ich erst einmal klären, ob es sich dabei im weitesten Sinn um die Auswirkung einer Störung einer Beziehung handelt, oder ob es vielmehr eine mechanische Funktionsstörung ist. Die große Schwierigkeit ist nur, dass solche Prozesse mittlerweile nicht mehr isoliert daher kommen. Ein Kochrezept ist tatsächlich eine mechanische Anweisung, was ich einkaufen muss. Auch die einzelnen Schritte lassen sich in einem solchen mechanischen Ablauf darstellen. Doch das Kochen selbst ist eben kein rein mechanischer Prozess, auch wenn es manchmal so aussehen mag. Schaue ich, etwa im Fernsehen, einem Sternekoch beim zubereiten seiner Speisen zu, dann scheint das ein mechanischer Vorgang zu sein – ist es aber nicht.

Man könnte auch denken, dass Motorradfahren ein mechanischer Prozess ist, wenn man dabei zuschaut. Doch will man das dann selbst entsprechend umsetzen, dann merkt man schnell, dass es nur so aussieht. So lässt sich vieles wie ein mechanischer Prozess beschreiben, doch tatsächlich ist es das nicht. Das hat sehr viel damit zu tun, dass sich komplexe Prozesse gerade nicht beschreiben lassen, jedenfalls nicht mit unserer gewöhnlichen Sprache. Vielleicht ist ja die Bedeutung der Sprache, die sie für die meisten Menschen hat, der tatsächliche Grund für manche scheinbar unlösbaren Probleme.

Unsere Sprache ist mechanisch!

Ist es vielleicht so, dass auch bei der Sprache eine Umkehr stattgefunden hat, eine Umkehr, die wir auch in der Medizin oder dem Rechtssystem feststellen, dass diese Systeme im Verständnis vieler Menschen ihre ursprüngliche, dem Menschen dienende Funktion verloren haben und mittlerweile als eigenständig angesehen und behandelt und auch gehandhabt werden, was sie jedoch vollkommen pervertiert. Das hat letztlich dazu geführt, dass viele Menschen die Welt und auch sich selbst nur noch durch eine mechanische Brille wahrnehmen, sich damit aber ihrer eigenen Fähigkeiten berauben.

Natürlich ist es unsinnig, alle auftretenden Probleme nicht mechanisch lösen zu wollen, also über die Beziehungsebene denn vor allem wir Menschen haben nun einmal die Möglichkeiten entdeckt, was sich durch mechanische Prozesse alles machen lässt. Es gibt also ganz klar diese Art der Prozesse, die eine mechanische Sichtweise benötigen; doch es gibt eben auch Prozesse, die reine Beziehungsprozesse sind. Schwierig wird es dann, wenn sich bei der Problemlösung mechanische und Beziehungsprozesse sich die Hand geben und miteinander arbeiten – oder arbeiten müssen. Dann gilt es, das eine sauber vom anderen zu trennen.

Nicht nur in der Medizin gelten zwei Denkweisen!

So ist es beispielsweise auch bei dem Klimawandel. Da sind auf der einen Seite von Menschen durch Mechanik verursachte Störungen, wie etwa die Zunahme der CO2 Produktion, die sich auch nur so reduzieren lässt, also mechanisch, aber das gesamte Klimageschehen in einen hochkomplexen Prozess eingebunden ist, der eben nicht mit mechanischen Gesetzmäßigkeiten abläuft, was wiederum nicht bedeutet, dass mit einer Reduzierung der CO2 Produktion wieder alles gut wäre – was es wahrscheinlich auch nicht ist. Es ist daher wohl notwendig, unsere Beziehung zu der Welt zu hinterfragen.

Die Lösungen sind daher oft sehr vielschichtig, nämlich sowohl mechanisch wie komplex. Wie bei meiner Stenose. Das bedeutet, dass ich über beide Denkstrategien verfügen und auch wissen muss, wann welche anzuwenden ist.