Was sind Zeit und Raum überhaupt?

Aber genau genommen geht es bei der Frage darum, was ich überhaupt bin. Seit Einstein & Co wissen wir, dass Zeit nicht statisch, nicht linear ist. Und der Raum auch nicht. Wenn wir uns extrem schnell bewegen würden, würde sich der Raum krümmen. Und die gleiche Verweildauer bei einem hochinteressanten Gespräch käme mir ungleich kürzer vor als die identische vor einer roten Ampel, wenn ich dringend auf die Toilette müsste. Manchmal scheint es gar keine Zeit zu geben, wenn ich auf dem Motorrad in einen Flow komme und sich mein Ich-Erleben verflüchtigt hat. Und mein Raumerleben ist dann auch irgendwie ein völlig anderes.

Lebe ich also in einem Zeiterleben, das durch zeitliche Vorgaben strukturiert ist, das sich jedoch völlig auflöst, wenn die Taktung entfällt? Oder erlebe ich Zeit überhaupt nicht, sondern habe nur eine Vorstellung davon? Auch einen Raum erlebe ich ja nicht, sondern ich empfinde ihn nur. Lege ich mir einen Zollstock und eine Uhr in mein Blickfeld, ändert sich dann mein Raum-Zeit-Empfinden? Nehme ich dann beides anders wahr? Ist also Wahrnehmung etwas, das ich nur „so“ wahrnehme, aber weder subjektiv noch objektiv wahrnehmen kann? Viele gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass es Wirklichkeit gibt, wobei ja auch Raum und Zeit eine ganz erhebliche Rolle spielen. Nehme ich die Wirklichkeit aber wirklich (schönes Paradoxon!) wahr, oder nimmt sie jeder anders wahr?

Denn das würde bedeuten, dass es objektiv Wirklichkeit gibt, ich sie aber nur subjektiv wahrnehme! Oder ist Wirklichkeit so eine Art Knetmasse, die wir alle zusammen, also das in sich differenzierte Eine, ordentlich durchkneten? Schließlich gestalte ich Wirklichkeit schon durch meine Beziehung zu den Dingen, meine Interaktion mit ihnen wie mit meinen damit einhergehenden Intentionen. Wie wäre es aber, wenn wir erkennen könnten, dass wir, etwa meine Frau und ich, beispielsweise keine gemeinsame Vorstellung von Ordnung haben, das System also unschlüssig ist und wir wie unser Enkel mit seinen drei Jahren wie wild drauf los kneten? Dass ich meine Frau als von mir getrennt erlebe, ist ja nur eine Vorstellung, aber keine Wirklichkeit. Wir sind ein System, das in wieder zwei Systeme differenziert ist, so wie mein Körper in Knochen, Leber, Magen, Lunge, Herz und so weiter differenziert, aber doch Eins ist? Und was, wenn es so weiter geht, also in die andere Richtung, alles nur Systeme in einem wieder größeren System, die letztlich zusammen ein einziges System bilden? Mit einer einzigen Wirklichkeit? Einem Bewusstsein? Einer Intelligenz?

Es gibt also scheinbar zwei Räume, in denen ich lebe, einmal den ordentlich strukturierten, etwa wenn ich meine Frau frage, ob wie um 18 oder um 19 Uhr bei den Nachbarn eingeladen sind und ich auch nicht genau weiß, an welchem Tag; zum anderen gibt es den Raum, in dem das alles miteinander verwoben ist, eben eine raum- und zeitlose Knetmasse der Wirklichkeit. Kommt mir vor wie die Physik Newtons und die Quantenmechanik. Nur hebt die Quantenmechanik die klassische Physik nicht auf, sie schreibt sie auch nicht fort. Die theoretischen Physiker und Philosophen haben nur noch nicht das gemeinsame Modell gefunden. Denken wir also „nur“ in den Modellen der klassischen Physik oder „nur“ in den Modellen der Quantenmechanik, denken wir definitiv falsch. Wir müssen lernen, so wie etwa Nagarjuna es beschrieben hat, die Dinge nicht als substanziell existierend anzusehen, sondern eben als nur rein empirisch existierend.

Also anders denken! Und das ist für mich wesentlich leichter als für die Physiker. Die haben uns zwar dank quantenmechanischer Erkenntnisse den CD-Spieler, Navigationsgeräte, Handys und was alles sonst noch bis hin zu demnächst dem Quantencomputer beschert, tun sich aber immer noch schwer, die beiden physikalischen Konzepte in einer Theorie von Allem zu vereinen. Für mich, jedenfalls ist das meine Überzeugung, ist das wesentlich einfacher. Ich muss es ja nicht beweisen, sondern nur leben. Also nehme ich Nagarjunas Verneinungen und halte mich dran. Und wenn ich es gelernt habe, diese acht Prinzipien des Denkens, also Nichtvergehen, Nichtentstehen, Nichtabbrechen, Nichtandauern, Nichteinheit, Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden in mein eigenes Denken zu adaptieren, dann habe ich es vielleicht gefunden. Oder sogar wahrscheinlich! Ich bin, wie ich schon einmal gesagt habe, eben ein Tetralemma.

Also sollte ich auch entsprechend denken.