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Was tun?

In dem Buch „Miteinander Reden“ von Friedemann Schulz von Thun, Johannes Ruppel und Roswitha Stratmann bin ich über diese Gedanken gestolpert:

  • Eine gute Gesprächskultur setzt sich aus rhetorischen Fertigkeiten und menschlichen Fähigkeiten zusammen.
  • Gute Gesprächsführung verlangt ehrliches Interesse, einen klaren Standpunkt und ein strukturiertes Gespräch.
  • Ein klärendes Gespräch beginnt mit Selbstreflexion, behandelt beide Standpunkte ausführlich und gelangt zu überprüfbaren Lösungen.

Rhetorische Fertigkeiten kann ich lernen, keine Frage. Doch wie ist es mit den menschlichen Fähigkeiten, etwa Empathie? Die kann ich nämlich nicht lernen, sondern nur entwickeln. Genauso wie ‚ehrliches Interesse‘ oder die ‚Bereitschaft zur Selbstreflexion‘. Will ich jedoch wirklich miteinander reden, dann muss ich sie realisieren. Muss ich und nicht sollte oder könnte ich.

Der Unterschied zwischen Fertigkeiten und Fähigkeiten ist leicht erklärt: Fertigkeiten kann ich erklären und lernen, doch wenn ich eine Fähigkeit nicht habe, etwa mutig zu sein, dann weiß ich auch nicht, wie sich das anfühlt. Also kann mir das niemand erklären, weil ich einfach keine Vorstellung davon habe.

Viele Berater und Coaches umgehen dieses ‚Problem‘ ganz einfach, indem sie sich auf die methodischen und konzeptionellen Fertigkeiten konzentrieren, aber nicht auf die Fähigkeiten. Die werden zwar erwähnt, aber nicht weiter diskutiert. Das bedeutet, dass beide, Berater und Klient, von einem relativ identischen Weltbild ausgehen. Viele Menschen denken ganz klar, sie seien ehrlich. Wie aber kann ich ehrlich sein, wenn ich in der Konvention lebe und sie nicht verlassen will?

In der Konvention zu leben, heißt gerade nicht immer ehrlich und auch nicht offen zu sein. Das gehört zu den Spielregeln. Ich persönlich habe für mich entschieden, mich aus der Konvention zu verabschieden und niemandem ein X für ein U vorzumachen. Nur wie überwinde ich die kognitive Dissonanz des Anderen, mit der ich unweigerlich konfrontiert werde, wenn sein und mein Weltbild nicht übereinstimmen? Konvention ist ja ein wesentlicher Bestandteil unseres Weltbildes!

Interessant ist, dass es zwar ein Antonym zu konventionell, aber nicht zu Konvention zu geben scheint. Jedenfalls habe ich keines gefunden. Dabei gibt es durchaus Gruppen, die aus der Konvention ausgeschert sind, Mönche etwa. Das sind Gemeinschaften, die sich bewusst von dem üblichen gesellschaftlichen Leben distanziert verhalten. Doch nur wenigen Menschen ist es gelungen, ihr eigenes kleines Ein-Personen-Kloster zu realisieren und trotzdem ganz normal unter den Menschen weiterzuleben.

Ziehe ich mir also eine Mönchskutte an, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sich mein Weltbild, wenn es denn anders ist als das des Gegenüber, zumindest anhört. Doch die wenigsten werden bereit sein, sich auch eine Mönchskutte anzuziehen und dieses andere Weltbild zu leben. Das bedeutet, dass Mönche als ‚anders lebend‘ gesehen werden, was bedeutet, ihr Weltbild greift das eigene nicht an.

Man toleriert ihre andere Art zu denken, denkt aber im Traum nicht daran, das auch für sich selbst als Möglichkeit oder gar als Notwendigkeit zu sehen. Wir erleben dies gerade aktuell, denn es wird Zeit, dass die Menschen anders zu denken lernen, wollen sie sich nicht den Ast absägen auf dem sie sitzen oder besser leben. Das aber geht nicht so einfach zu denken. Dabei kennen wir seit über 100 Jahren die Quantenphysik. Die Technik wird zwar angewendet, aber nicht ihr Weltbild auf das eigene Leben, sondern das wird einfach ignoriert.

Die meisten Menschen denken einfach noch wie früher. Diese kognitive Dissonanz ist der Grund, weshalb sie sich aufregen, wenn ihre Überzeugungen und ihr Ich-Bild, wie ihr Weltbild erschüttert werden. Läuft dies Gefahr, durch neue Informationen widerlegt zu werden, tritt ein mentaler Konflikt ein, der sich auf die Bereiche im Gehirn auswirkt, die für persönliche Identität und emotionale Reaktion auf Gefahren zuständig sind.

Das Gehirn schlägt Alarm. Und es beendet die Diskussion, stattdessen schaltet es auf Angriff, Flucht oder Sich-tot-Stellen. Rationale Argumente, die das bislang als „Wahrheit“ Erachtete widerlegen könnten, werden ganz einfach ignoriert oder heftig bekämpft. Eine sachliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt.

Darüber reden zu wollen ist sinnlos, denn ist es so weit gekommen, sitzt man schon in der Falle. Also sucht man die Lösung durch Tricks. Manche verpacken es in Satire oder Komik, andere erdenken sich die tollsten Visionen. All das hat nur den einen Grund: Den Widerstand zu umgehen. Die Frage ist, ob das nicht auch ohne Tricks geht, also ohne Manipulation.

Dabei wäre es ‚eigentlich‘ ganz einfach. Indem wir uns auf das einlassen, was ein anderer uns empfiehlt, lernen wir, machen also unsere eigenen Erfahrungen. Wenn wir uns beispielsweise besondere Fähigkeiten aneignen wollen, etwa eine bestimmte Sportart beherrschen oder ein Musikinstrument gut erlernen möchten, suchen wir ganz selbstverständlich einen qualifizierten Lehrer, der uns unterweisen kann.

Als ich Motorrad zu fahren begann, suchte ich mir einen Lehrer. Weil ich wusste, dass ich noch nicht gut fahren konnte, es aber unbedingt lernen wollte. Und da sitzt das ‚Problem’: Ich muss mir bewusst sein, dass ich etwas (noch) nicht kann. Dann bin ich bereit, mich auf einen anderen einzulassen, sonst nicht. Ich muss mir bewusst sein, dass ich etwas nicht kann, aber können sollte oder will.

Dinge aber, die ich tag-täglich und ganz selbstverständlich tue, ohne darüber nachzudenken, etwa wie ich denke, werde ich nicht ohne weiteres hinterfragen. Mich hat das berufliche Scheitern dazu gebracht, ‚in mich zu gehen‘ und mich selbst, wie mein Denken, zu hinterfragen. Die Frage ist, ob das nicht auch ohne Scheitern möglich ist?

Das ist es sicherlich. Doch es liegt am Einzelnen, ob er das für sich entwickeln möchte – freiwillig. Fähigkeiten zu entwickeln bedeutet, dass man sein Defizit, etwa an Empathie, bereit ist, sich selbst einzugestehen. Frage: Wer macht das schon gerne? Ob es sich jetzt um Fähigkeiten oder gleich das ganze Weltbild handelt, also die eigene Identität – es läuft auf das Gleiche hinaus.

Das Einzige, was mir als Gesprächspartner bleibt, das ist meine Überzeugung zu leben.

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