Was Wahrheit ist – und was nicht 

Wenn jemand wie Max Wertheimer gesagt hat, dass „die Wissenschaft in der Suche nach Wahrheit wurzle“, dann sagt er damit was aus? Für mich nichts. Und zwar aus zwei Gründen. Es ist ja nicht „die Wissenschaft“, die irgend etwas tun oder nicht tun könnte, sondern es ist ein bestimmter, eindeutig identifizierbarer Wissenschaftler, der etwas tut oder eben nicht. Das ist bei dieser Aussage aber nicht gegeben. „Die“ Wissenschaft ist ein vollkommen undifferenzierter Begriff, dem absolut keine Tätigkeitsmerkmale und keine entsprechenden Attribute zugeschrieben werden können.

Dann ist die weitere Frage, was Wahrheit überhaupt ist. Das ist jedoch eine Frage, die nie beantwortet werden kann, denn dafür müsste eine objektive Wahrheit definiert werden können. Doch das geht nicht, es gibt immer nur subjektive Ansichten über Wahrheit. Also müsste ich wissen, was Wertheimer unter Wahrheit verstand, um das Zitat verstehen zu können. Das Verständnis von Wahrheit beginnt immer bei einem spezifischen Weltverständnis. Auch mein Verständnis von Wahrheit, nämlich dass es Wahrheit zwar gibt, aber nicht definiert werden kann, auch das zu denken ist nur möglich mit dem „dazugehörigen“ Weltbild. Und selten, dass das bei verschiedenen Personen identisch ist. In meiner Familie gibt es kein einheitliches Weltbild. Also brauchen wir uns gar nicht erst über Wahrheit unterhalten, es sei denn, wir wollen das ergründen. Erfreulicher Weise ist das bei meiner Frau und mir anders, da gibt es so ungefähr 70% Überlappung. Aber auch da ist Wahrheit ein diffiziles Thema. Deshalb folge ich insoweit dem Gedanken von Krishnamurti, dass Wahrheit ein pfadloses Land ist.

Selbst wenn ich sage, das nur das für mich wahr ist, was ich selbst verifiziert habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich damit auch richtig liege. „Meine“ Wahrheit hat unmittelbar etwas damit zu tun, wie ich die Welt wahrnehme und damit, wie ich sie erlebe. Jeder kann immer nur das sehen, was er auch zu denken vermag. Und wenn ich etwas nicht denken kann, gibt es das auch nicht für mich. Pech. Das Einzige, was ich persönlich für absolut wahr halte, das ist, was ich in der Natur erleben kann. Doch das bedeutet nicht, dass ich das auch wirklich erfassen oder gar korrekt beurteilen könnte. Es sind und bleiben Annahmen.

Auf dem Motorrad kann ich definitiv Wahrheit erleben. Wenn ich mich selbst vollkommen vergessen kann. Ohne das ist es ein Wort mit X: Nix! Das ist die Schwierigkeit mit der Wahrheit: Man darf selbst nicht willentlich dabei sein, es darf kein Ich geben, das etwas will. Wie sagt doch Huang Po ganz richtig?

Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.