Was weiß ich schon?

Vielleicht weiß ich wesentlich mehr, als ich überhaupt ahne. Oder auch mehr, als mir vielleicht geheuer ist. Die Frage ist nur, ob ich es auch explizit wissen kann. Kürzlich habe ich mir nämlich die Frage gestellt, wieso ich wissen kann, ob das, was ich denke, auch stimmig ist. Der einzige für mich absolut gültige Stimmigkeitstest ist, wenn ich mit Hilfe meines Wissens also ganz konkret etwas tun kann, das Wissen sozusagen in der Praxis verifiziere und auch anwende. Dann kann ich sicher davon ausgehen, dass es stimmig ist.

Doch das bedeutet nun noch lange nicht, dass ich damit auch das Ende der Fahnenstange erreicht hätte. So habe ich erst einmal gelernt, dass Motorräder ganz anders zu fahren sind als Autos. Dann war die nächste Hürde die Schräglage. Wir Menschen haben ja wie auch Tiere eine innere Sperre, die bei 20° Schräglage liegt. Also da ist normalerweise Schluss. Ich lernt nämlich, meinen Kopf in den Kurven in die Vertikale zu drehen, wodurch sich die 20° Sperre zwar nicht überwinden, aber immerhin austricksen lässt. Und als ich das verinnerlicht hatte, konnte ich auch so langsam darüber hinaus gehen und mich an der Schräglagen-Grenzen der Reifen annähern. Den berühmten Angststreifen bekam ich auf Sardinien ziemlich komplett weg, aber bis auf die Fußrasten bin ich auch da nicht gekommen. Das steht noch aus. Nur, dass da noch „Luft“ ist und damit ein Stück Sicherheit, falls es mal eng würde, das hilft mir tatsächlich nicht, denn das ist bis jetzt nur explizites, theoretisches Wissen.

Ich habe mich an die mir mögliche Schräglage erst einmal Stück für Stück ganz logisch herangetastet. Was dank meiner Physikkenntnisse recht einfach für mich war. Aber eben nur theoretisch. Denn auf dem Motorrad umsetzen ließ sich das ausschließlich dadurch, dass ich es auch wirklich tat. Aber eben nicht explizit, sondern implizit wissend. Die Chan-Menschen sagen dazu Handeln durch Nicht-Handeln. Es hat circa zwei Jahre gedauert, bis ich endlich den Lenker einigermaßen locker halten konnte und mich nicht mehr krampfhaft daran festhielt. Umsetzen konnte ich das alles jedoch erst, als ich es verinnerlicht hatte, es also zu implizitem Wissen geworden war. Und dieses „Verinnerlichen“ geht nicht auf Kommando. Und dass ich es will, das hilft auch nicht. Keine Chance.

Ich bewege mich also immer in der Balance zwischen explizitem und implizitem Wissen, wobei das keineswegs der optimale Bereich sein muss. Wenn beides nicht ausgewogen ist, fahre ich entweder langsamer, als ich eigentlich könnte, oder ich falle im schlimmsten Fall auf die Nase. Auch beim Kochen merkt man die Balance sehr leicht – entweder es schmeckt für meine Verhältnisse sehr gut, mäßig oder gar nicht. Kocht ein anderer hingegen besser als ich oder fährt er besser, dann hat er entweder mehr Wissen als ich, oder ich habe mein explizites Wissen noch nicht verinnerlicht. Wirkliches Wissen ist also nur das, was ich nicht in Worte fassen muss und und wohl auch nicht kann. Alles, was ich über das Kochen oder Motorradfahren sagen kann, ist immer nur eine Beschreibung, aber nie das, was ich dabei konkret tue.

Ich bewege mich also auf der Trennlinie zwischen Yin und Yang, pastedGraphic.png wenn ich einmal das eine als implizites und das andere als explizites Wissen ansehe. Ideal ist es, wenn beide Bereiche ausgeglichen sind. Doch das bedeutet bei weitem nicht, dass das dann auch das mir maximal Mögliche wäre, ich also mein Potential voll ausgeschöpft hätte. Da kommt dann noch etwas Drittes hinzu. Der Kosmos hat da nämlich seine Finger auch noch im Spiel. Ich kann ja nur existieren, jedenfalls ist das meine Ansicht, weil ich über kosmisches Wissen verfüge. Natürlich implizit. Wie könnte die Natur (zu der ja auch ich gehöre) sich so perfekt zu dem entwickeln, was sie ist, würde sie nicht explizit über das implizite Wissen verfügen, wie man beispielsweise aus Wasserstoff und Sauerstoff Wasser machen kann? Ich jedenfalls weiß ganz genau, wie man aus einer Semmel Energie für die Muskel bereitstellt und wie man Schadstoffe über die Nieren wieder aus dem Körper heraus bekommt bis hin zu der gesamten Abfallbeseitigungsanlage. Und ich weiß auch, wie ich meine Gehirnzellen verknüpfen musste, damit ich letztlich diesen Text schreiben konnte.

Wissen tue ich es, nur sagen könnte ich es nicht. Also implizites, kosmisches Wissen. Jedenfalls sehe ich das so. Eine Darstellung dazu findet sich in dem Symbol des Hotu pastedGraphic_1.png, dem Zeichen für das Yin und Yang der Welt. Dass das so ist, das denke ich definitiv. Aber erklären kann ich es nicht, es ist nur eine Ahnung. Also lasse ich mich darauf ein. Denn das „Sich-Einlassen“ ist neben dem Erlernen expliziten Wissens die andere Möglichkeit, das Feld des impliziten Wissens zu vergrößern. Nur ist der Gegenpol nicht mehr nur explizites Wissen, sondern auch kosmisches Wissen. Es ist das gleiche Thema, wie bei der Bezeichnung den Yin und Yang Hälften als weiblich oder männlich, hell oder dunkel. Ich finde, das bringt einen nicht nur auf falsche Gedanken, sondern engt auch gewaltig ein. Ich bin daher einfach nur für das Eine und das Andere. Mehr nicht. Vielleicht liegt darin auch die Bedeutung dieses Gedanken von Hans-Peter Dürr: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Wer weiß?

Kann ich dann jetzt behaupten, dass das Wissen des Kosmos auch in mir ist, wie in allem anderen auch? Ich glaube, irgendwie schon. Eigentlich spricht sehr viel dafür, auch wenn ich nur ein kleines System in dem Ganzen bin. Aber ist nicht eine einzige Zelle verschwindend klein im Verhältnis zum Ganzen? Und hat nicht eine Zelle alle Informationen des Ganzen? Aber muss ich das alles wissen? Ich denke wirklich, dass ich das wissen muss. Schließlich lebe ich ja in einer Gesellschaft und damit auch in ihren Konventionen. Und Konventionen bremsen mich regelrecht ein. Doch allein das zu wissen befreit mich noch lange nicht aus der Konvention, dafür bin ich viel zu sehr daran gewöhnt und lebe schon zu lange damit. An die gesellschaftlichen Konventionen habe ich mich von klein auf regelrecht assimiliert, sie sind meine Heimat geworden. Und da man seine Heimat und das Gewohnte ungerne aufgibt, kostet es erst einmal Überwindung, das überhaupt zu erkennen. Erst dann, wenn ich die Konventionen hinter mir gelassen habe, kann ich mich ernsthaft fragen, ob ich das mir zur Verfügung stehende Wissen auch anwenden will. Nur ich weiß eben noch nicht, ob ich es weiß und auch anwenden könnte. Vieles davon wende ich ja an, ohne dass ich darum explizit weiß. Doch vielleicht schlummern da noch enorme Potentiale, die es einfach zu erschließen gilt?

Jetzt höre ich auf, bevor ich noch einen Knoten in mein Gehirn bekomme.