Was, wenn alles ganz anders ist, als ich bisher dachte?

Ich wäre dankbar, wenn jemand meine unzutreffenden Erinnerungen über die Welt und die Dinge darauf einfach einmal löschen könnte! Obwohl, ich befürchte, dass dann nicht mehr sehr viel übrig bleiben würde. Und all meine schönen Erinnerungen wären dann auch dahin. Obwohl, wenn die schönen weg sind, dann sind es ja auch die hässlichen! Eigentlich hätte das ja etwas Gutes, wenn das von mir bislang unzutreffende und nicht vollständig Wahrgenommene endlich korrekt wahrgenommen werden würde. Ein Traum, aber leider keine Wirklichkeit, denn niemand macht das für mich. Da muss ich schon selber durch, vorausgesetzt natürlich, ich will das überhaupt.

Gerade habe ich einen Text über die subjektivistische Interpretation von Werner Heisenberg gelesen. Mein Hirn raucht immer noch, denn vorstellen kann ich es mir nicht so wirklich, dass das, was ich wahrzunehmen in der Lage bin, tatsächlich gar nicht wirklich so ist. Aber ich kann es denken, was natürlich bedeutet, einen ganz anderen Zugang zur Wirklichkeit zu finden. Oder finden zu müssen, um das verstehen zu können. Und meine Gefühle und Empfindungen sollte ich dann besser auch einmal stecken lassen und erst später wieder nutzen. Doch nicht nur die muss ich sein lassen, sondern auch all meine tradierten Vorstellungen von Bewusstsein, Wahrnehmung, Intelligenz, Achtsamkeit und all den gedanklichen Dingen, die ich so schön in Schubladen aufgeräumt habe.

Dabei ist es wie mit unserer Küche. Es passt einfach nicht mehr. Und weil es früher einmal gepasst hat, das macht es nicht besser. Also neu organisieren und nicht nur aufräumen. Es ist schon verrückt. Vor einiger Zeit habe ich meinen Sessel und den Tisch davor umgedreht und schaue jetzt in den Garten, genauer auf einen Zierapfelbaum und ein Vogelhäuschen. Wenn ich nicht gerade auf meinen Laptop schaue, schaue ich also raus und den Vögel draußen zu. Diese Änderung und auch Reduzierung wie Konzentration meiner Wahrnehmung auf einen natürlichen Vorgang zusammen mit dem, worüber ich schreibe, hat für mein Empfinden etwas Interessantes bewirkt oder auch ausgelöst: Ich sehe die Dinge anders, ich sehe beispielsweise nicht mehr nur einen Vogel, sondern ich erlebe einen Vogel. Und je mehr ich das, was da draußen passiert, erlebe, desto mehr erlebe ich mich selbst, jenseits von Empfindungen oder Gefühlen.

Bedeutungen, die früher ganz klar und eindeutig für mich waren, sind es nicht mehr, sie werde unscharf, so als würde auch für sie Heisenbergs Unschärferelation gelten. Bedeutungen haben ja nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern allein mit dem eigenen Denken. Und Denken ist, wie Hannah Arendt neben vielen anderen sagt, Nachdenken. Also sind auch die von mir verwandten Begriffe wie Bedeutungen nur der Versuch, etwas zu beschreiben, was aber nicht wirklich existiert, sondern allein in meiner eigenen Erinnerung „so“ ist. Also nie wirklich, nie Realität. Wie ein Foto, das einen vergangenen Augenblick konserviert, dabei aber auch verändert, nimmt es ihm doch die Perspektive, die man nur noch erahnen kann. Eben ein reduziertes Abbild, nicht mehr. Ein Bild oder eine Erinnerung aber können wie auch ein Begriff die Wirklichkeit nie originalgetreu darstellen oder gar ersetzen.

Kann ich das akzeptieren, dann lösen sich unzutreffende Erinnerung ganz von selbst auf, sie sind einfach keine Wirklichkeit mehr. Eine Erinnerung aber ist ein subjektiver Eindruck, nie ein objektiver. Und das bedeutet nicht nur, dass er nicht der Wirklichkeit entsprechen muss, sondern es bedeutet auch, dass ich ihn reframen kann, ihn in einen anderen gedanklichen Kontext einbetten und ihm so eine ganz andere Bedeutung geben kann. Also keiner Erinnerung glauben, wirklich keiner!

Was aber ist mit dem technischen Wissen, das ich habe? Meinem Wissen über das Universum? Oder meinem psychologischen Wissen über Menschen? Ich befürchte, dass mein Blick in den Garten dem auch nicht gut tut. Wenn ich mich ein bisschen umdrehe sehe ich die Bücherwand. Und ich merke, wie mein Denken bestrebt ist, sich regelrecht zu verdichten, starrer wird. Ein Buchtitel springt mir ins Auge und schon versucht das Denken seiner habhaft zu werden, konkret zu werden, als ob das, was in einem Buch steht, wahr sein könnte. Also was jetzt? Nur noch aus dem Fenster schauen und keine Bücher mehr lesen? Oder umgekehrt? Ich denke, es ist ein sowohl als auch. Ein klassisches Tetralemma.

Ich muss einfach aufhören, Dinge, die ich denke, für wahr zu halten.