Was, wenn es alles ganz anders ist?

Woher nehme ich überhaupt die Sicherheit, dass das, was ich für gegeben halte, auch wirklich so ist? Und niemand möge behaupten, dass er nicht das eine oder andere für tatsächlich gegeben hält! Ich halte es für definitiv gegeben, wenn ich Hunger habe, müde bin und dass es noch hell ist. Bei Hunger und Müdigkeit diskutiert kaum einer mit mir darüber, ob das stimmt, bei der Frage, ob es hell ist oder dunkel kann das schon passieren. Gestern Abend hatten wir eine solche Diskussion über den Mond. Alles eine Frage der Perspektive. Zumindest fast alles.

Viele Dinge, die ich ganz selbstverständlich als gegeben ansehe, sind es tatsächlich nicht. Warum aber streite ich mich dann manchmal mit anderen darüber, dass es so und nicht anders wäre, wenn es vielleicht ganz anders ist? Worauf kann man sich überhaupt beziehen? Denn ohne ein Ordnungs- und Bezugssystem würde ich ziemlich orientierungslos in der Welt herum tapsen. Aber manchmal tue ich genau das, suchend herum irren. Nicht nur, wenn ich mein Handy suche, da ist das ja ok, sondern bei rein geistigen Phänomenen, etwa der Frage, ob die Antwort auf die Frage, wer oder was ich bin, im Handeln oder im Sein zu sehen ist.

Ich möchte wetten, dass es für jede dieser beiden so unterschiedlichen Varianten eine Menge Leute gibt, die sagen, „ja, so ist es“ und sich dann herrlich darüber streiten können, was jetzt stimmt. Früher hätte ich die Antwort auch im Sein gesucht, mache ich aber nicht mehr, seit ich angefangen habe zu verstehen, dass ich ein Prozess bin; genauer ein System, das sich in einem Prozess „bewegt“. Was, wenn die ganze Welt ein einziger Prozess wäre? Interessanter Gedanke, oder nicht? Gerade verfolge ich auf einer Social-Media-Plattform eine Diskussion darüber, ob Geiz und Raffgier natürliche Instinkte des Menschen seien. Eine Seins-Diskussion. Statt dass man sieht, dass allein von Bedeutung ist, dass jeder so handeln kann und dass jeder es auch lassen kann. Es geht meines Erachtens nach um das Handeln, und nicht um das Sein.

Sicher kann ich mir also nur dessen sein, was ich gerade tue. Einer Absicht oder ein bestimmtes Interesse sicher zu sein, das kann ich knicken. Nur das, was ich tue, ist so. Warum ich es tue, ist irrelevant, relevant ist nur, was meine Handlungen bewirken. Kürzlich habe ich mich gefragt, ob ich etwas in der Art eines Tetralemma bin. Wenn ich also gerade nichts tue, dann liege ich wie ein Tetralemma auf der Lauer, um dann irgendwo herauszuschießen, was vielleicht keiner erwartet hat, dass ich das tue oder sage. Und ich bin auch immer wieder über mich selbst überrascht. Der Lauf einer Flipperkugel ist noch viel zu berechenbar, um das exakt zu beschreiben. Also Tetralemma, da weiß man vorher nicht, was passieren wird.

Ich bin nicht wirklich berechenbar, nicht einmal für mich selbst, wenn das auch schön wäre. Tatsächliche bewege ich mich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen, Erkenntnisse und meiner Einstellungen in einem Wahrscheinlichkeitsraum. Nicht eindeutig definiert, nur ein Korridor des Möglichen. Also kann ich mir meiner selbst nicht sicher sein, nur dessen, was ich tatsächlich tue oder sage, das kann ich als tatsächlich gegeben ansehen. Und auch was ein anderer tut, ist gegeben. Aber sonst nichts.

Nur wie komme ich dann zu meinen Wahrheiten? Indem ich etwas für mich erkenne und es tatsächlich tue, mich also entsprechend verhalte. Wenn ich dieses Verhalten dann aufgrund psychologischer oder philosophischer Erklärungen auf eine Ursache zurückführe, dann habe ich schon meine Wahrheit. Nur ob die wirklich wahr ist, das wird immer ein Rätsel für mich bleiben. Sicher ist also nur das, was ich getan habe. Alles andere ist Vermutung. Doch solche Vermutungen, Annahmen und Hypothesen sind absolut wichtig, um mich besser verstehen zu können. Doch eine Wahrheit wird es für mich erst dann, wenn ich es in konkretes Verhalten umgesetzt habe.

Das ist meine derzeitige Wahrheit zu dem Thema. Doch alles ist das sicher noch nicht.