Was zu wissen notwendig ist

Muss man über das große Ganze Bescheid wissen oder sich nur um den engsten Umkreis kümmern? Auf diese Frage bin ich bei der Lektüre des Buches „Kompass neues Denken“ von Natalie Knapp gestoßen. Und hab mir ordentlich an die Stirn geschlagen (also nicht zu fest, keine Sorge), weil ich mich gefragt habe, wie ich das übersehen konnte. Die Antwort ist nämlich ganz einfach.

Es geht um Schwarmintelligenz. In einem Vogelschwarm orientiert sich ein Vogel immer nur an seinen nächsten Nachbarn. Das langt vollkommen, um Gefahren möglichst aus dem Weg zu gehen. Doch die wirklich interessante Frage ist dann, und die drängt sich regelrecht auf, wie bekommt dann der Schwarm das hin? Ganz einfach, durch Selbstorganisation. Voraussetzung dafür ist Information. Information ist weder Energie noch Materie, jedoch immer an das Vorhandensein von Materie und Energie gebunden, die als Träger der Information dienen.

Schwarmintelligenz oder kollektive Intelligenz ist eigentlich keine Intelligenz, jedenfalls nicht das, was gemeinhin darunter verstanden wird, sondern es ist eine Folge von Selbstorganisation und Emergenz. Emergenz bezeichnet die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente, jedoch, und das ist das Besondere, ohne dass es eine Instanz gäbe, die das alles kontrolliert. Emergenz geschieht sozusagen aus dem Vorhandenen, ohne Einmischung einer äußeren Instanz. Unter Selbstorganisation versteht man die Systementwicklung, bei der formgebende oder gestaltende Einflüsse von den Elementen des Systems selbst ausgehen. In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass äußere steuernde Elemente vorliegen.

Es ist ein emergentes Phänomen, bei dem Gruppen von Individuen durch Zusammenarbeit, unabhängig von der Intelligenz der einzelnen Mitglieder, stimmige Entscheidungen treffen können, doch immer, ohne (!!) dass es eine übergeordnete Instanz gäbe. Nun zu der Information. Sie lässt sich durch eine räumliche und / oder zeitliche Struktur, ein Regelsystem beschreiben, die sie auf einem der Informationsträger (Energie oder Materie) aufweist. Die Information „Ich bin weg!“ kann ich durch Sprache vermitteln, also über Schallwellen, die gehört werden können; ich kann es aber auch auf einen Notizzettel schreiben, wo es dann über visuelle Wellen bei dem anderen (hoffentlich) ankommt. Dazu kommt als wesentliches Element ihre Bedeutung, also die Semantik, die ihr von einem spezifischen Empfänger (!!) gegeben wird. Dazu muss sie vom Empfänger „dekodiert“ werden, das heißt, dem strukturellen Muster wird individuelle Bedeutung gegeben. Der Satz „Ich bin weg!“ kann ja bedeuten, dass ich einkaufen bin, mit dem Motorrad unterwegs bin oder was auch immer. Je präziser ich die Information über meine Abwesenheit fasse, desto größer ist also die Chance, dass sie auch so decodiert wird, wie sie gemeint war.

Ein dritter Aspekt wird als pragmatische Ebene bezeichnet und erfasst das Ausmaß der Veränderung des Systemzustandes durch die Information. Eine Information hat dann einen hohen Informationsgehalt, wenn sie für uns neu ist. Angenommen, meine Frau ist der Empfänger der Botschaft, dann freut sie sich entweder darüber, dass ich endlich mal weg bin oder sie ärgert sich, dass ich schon wieder weg bin. Ganz klar ist, dass der Systemzustand unserer Ehe sich entsprechend verschiebt, von positiv zu negativ oder umgekehrt. Natürlich kann es auch sein, dass es gar keine Pragmatik hat, es ist ihr egal und das System unserer Ehe bleibt, wie es ist. 

Mit anderen Worten: Information kann durch ihr Vorhandensein auf einer Systemebene eine qualitativ neue Informationsqualität auf einer funktionell höheren Ebene entstehen lassen. Der Garant dafür ist die nichtlineare Dynamik der Selbstorganisation, die dafür sorgt, dass Information ständig auf vielfältige Weise miteinander verknüpft wird. Dabei selbstorganisiert sich die „emergente“ Funktion des Systems ohne jede übergeordnete Kontrollinstanz. So werden – sehr vereinfacht dargestellt – aus Quantenbausteinen Atome, aus Atomen Moleküle, aus Molekülen Organe und aus Organen wurde dann das, was hier schreibt, also ich. Jede Information, die ich aufnehme, hinterlässt also ihre Spuren in meinem System, ob mir das bewusst ist oder nicht und auch, ob ich das will oder nicht. Es passiert. Wie gesagt: Es gibt keine Kontrollinstanz! Ich kann mir zwar einbilden, ich hätte die Kontrolle über „mein“ System, doch die habe ich nicht, weil es sie einfach nicht gibt.

Das einzige „Problem“ dabei ist, wie Hans-Peter Dürr einmal sagte, dass wir mehr erleben als wir begreifen, wir können also nur sehen, dass es so ist, aber es entzieht sich (vielleicht noch) jedem Versuch einer Erklärung. Und um dieses Feld des Nichtwissens zuzustopfen denken sich dann manche allerlei metaphysischen Quark aus, was einen jedoch der Wirklichkeit absolut nicht näher bringt, sondern das Gegenteil ist der Fall. Die „Intelligenz eines Systems“, von der so oft die Rede ist, ist also nichts anderes als die Emergenz der Selbstorganisation, die passiert, ohne dass dabei jemand die Zügel in der Hand hielt. Ja, die Natur ist fraglos mystisch, aber nicht mysteriös.

Für mich heißt das, dass ich in dem größeren System der Menschen organisiert bin, die ich kenne. Wirken die Komponenten eines solchen Systems in geeigneter Weise zusammen, so zeigt sich durch die Emergenz neuer Funktionen und Eigenschaften. Man nennt das dann auch Konstruktivität. Für ihre Dynamik und Struktur benötigen komplexe Systeme Energie. Ändert sich jedoch eine Komponente in eine nicht hilfreiche Richtung, hat dies Folgen für das Gesamtsystem. Ohne wenn und aber. Das nennt man dann Destruktivität.

Ich bin also, wie jeder andere auch, ein System in einem noch größeren System, das wiederum in einem wieder größeren System steckt. So wie ich mich durch Information mit Hilfe der Selbstorganisation und Emergenz organisiere, wird auch das größere System durch die Informationen, die ich und andere aussenden selbstorganisierend organisiert. Daher kommt wahrscheinlich auch der Ausspruch „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.“ So, wie ich andere behandle, kommt es ansatzweise zurück.

Es geht also nicht darum, das große Ganze zu verstehen, sondern mich!