Weiß ich was ich tue oder nur, was geschieht?

Und welche Bedeutung hat das für mich? Es ist die Frage nach dem Handelnden. Dr. Vijai S Shanka hat das wie ich finde ganz gut in diese Analogie gefasst: „A clock does not measure time. It defines time.“ Es kommt eben darauf an, wovon man ausgeht: Gibt es Zeit oder gibt es sie nicht? Oder stellen wir uns unter Zeit etwas vor, was es so aber gar nicht gibt, nur weil wir es erfahren?

Kompliziert klingende Fragen, die aber einfach nur komplex sind. Und einem einfachen Muster entsprechen. Als ich heute früh aufgestanden war und duschte, fiel mir das wieder ein, die Sache mit dem Handelnden, den es nicht gibt und dem Erfahrenden ohne Erfahrung. Was man sehr genau anschauen muss, damit man nicht dem Hype aufsitzt, alles sei eine Illusion. Nein, das ist es nicht, nur komplex. Und das verleitet schnell dazu, es fälschlicherweise Illusion zu nennen.

Ich dusche und nahm dabei ganz genau war, was da passierte, weil ich es wissen wollte. Alles, was ich tat, geschah vollkommen spontan. Weil ich etwas tat, wurde es mir auch bewusst, aber erst einen unmerklichen winzigen Moment danach, mein Körper hatte schon alles vorbereitet und werkelte eben. Auch als ich mir ganz bewusst die Füße abtrocknete und mich dabei bückte, war das eine Entscheidung, die ich nicht spontan getroffen hatte, sondern die war nichts anderes als die Folge meiner vernetzten Lebenswelt. Da wurde mir mal wieder bewusst, wenn ich eine „Erkenntnis“ habe, etwa dass ich endlich noch ein paar Kilos abnehmen sollte, dann weiß ich auch nie, wo die herkommt. Ich habe sie zwar, aber ich mache sie nicht, sie passiert einfach.

Alle Erklärungen sind nur nachgeschoben, aber nie der tatsächliche Grund. Eine Folge des Drangs, immer alles erklären zu wollen. Wahrscheinlich sind meine Erkenntnisse nichts anderes als eine Folge von Selbstorganisation, die ja nur passieren kann, wenn ich nicht darüber nachdenke. „Geistesblitz“ sagen wir auch manchmal dazu. Dabei darf ich auch nicht vergessen, dass der ideale Handlungszustand der des Flow ist, also der Zustand, in dem ich gerade nichts Spezifisches zu kontrollieren versuche oder glaube, willentlich zu handeln und doch zu dem mir Bestmöglichen in der Lage bin. Was die Frage aufwirft, weshalb ich mich so oft ganz anders verhalte. Was ja irgendwie nicht so kreativ ist.

Ich erfahre also etwas, doch das bedeutet nicht, dass ich auch wüsste, was da passiert. Die „Erfahrung“ existiert nur in meinem Denken, Eigentlich sollte mich das an den Schleimpilz Blob erinnern, denn der macht, obwohl ohne eine Spur von Intelligenz, sehr intelligente Sachen. Die denkt er nicht und plant sie auch nicht, sondern er macht sie einfach. Wollte ich den Blob verstehen, sollte ich also nicht damit anfangen zu überlegen, was ich tun sollte oder müsste, denn dann plane ich nicht und handele trotzdem. Und vielleicht sollte ich auch damit aufhören, andere zu beurteilen und zu bewerten, weil sie nicht willentlich steuern können, was sie tun, so wenig wie wohl auch ich selbst?

Es ist wirklich paradox. In dem Moment, in dem wir uns bewusst verändern wollen, schalten wir die Voraussetzung dafür regelrecht aus. „Wollen“ wir es aber nicht, dann geschieht es unter Umständen. Wir brauchen einfach nur die notwendigen Informationen und uns denen zu überlassen. Jedenfalls braucht es keinen Handelnden, um etwas Intelligentes zu denken, nicht einmal ein Gehirn. Daher ist die Frage, was man „tun sollte“, und was man „nicht tun sollte“ ganz offensichtlich müßig. Denn sie bringt mich keinen Deut weiter, um zu verstehen, warum etwas so ist, wie es eben ist. Also sollte (!) ich klugerweise jeglicher Moral eine Absage erteilen, die ist nämlich randvoll mit „sollte“ und „müsste“. Doch das heißt jetzt bitte nicht, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Nein, das heißt es nicht, sondern es ist eher die Aufforderung, sich Gedanken über eine Ethik zu machen, die den Regeln des Lebens entspricht.

Wie sagt doch Huang Po? „Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.“ Und gegen genau dieses Prinzip würde ich verstoßen, würde ich urteilen und beurteilen. Will ich aber nicht. Das will ich zur Basis meiner Ethik machen. Und damit zur Basis meines Lebens.