Wer bin ich überhaupt?

Nicht eins, nicht zwei? Oder etwas völlig anderes? Von Martin Buber stammt ja der Gedanke,  dass der Mensch am Du zum Ich wird. Aber ist es nur das ‚Du‘, das das ‚ich‘, also mich werden lässt? Und was steure ich selbst bei? Der ‚Roman eines Schicksallosen‘ von Imre Kertész hat mir letztlich klargemacht, dass ich die Dinge und auch mich selbst nicht verstehen kann, solange ich ihnen emotional begegne. Auch das Böse ist banal, wie Hannah Arendt nach dem Eichmann Prozess festgestellt hat.

Meine Emotionen sagen nur etwas darüber aus, wie ich gerade denke und demzufolge empfinde, sie sagen aber absolut nichts darüber aus, was für mich wirklich ist und erst recht nicht, was für andere wirklich ist. Das können nur Fakten. Will ich also etwas verstehen, dann brauche ich Fakten und keine Emotionen. Was jedoch nicht bedeutet, keine Emotionen zu haben. Aber erst einmal brauche ich Fakten. Verstehe ich die, werden sich auch wahrscheinlich meine Emotionen ändern. Aber das ist nur eine Annahme.

Also zu den Fakten. Ich bin erst einmal der, was in meinem Gehirn und in meinem Körper als neuronales Netzwerk, als neuronale Architektur vorhanden ist. Die bestimmt, was ich empfinde, fühle und letztlich, wer ich bin. Aber nicht alleine. Mein Innenleben alleine ist etwa so wie ich Motorrad fahre, wenn ich etwa zu meinem Motorrad laufe. Nämlich gar nicht, also leblos.

Ich bin also nur bereit, Motorrad zu fahren. Aber ich fahre (noch) nicht. In etwa entspricht das meiner Charakterstruktur. Die kann durch Destruktivität geprägt sein. Oder durch Altruismus. Oder …, oder …, oder …. . Anders als beim Motorrad fahren kann ich die kaum erkennen, denn ich halte sie ja für richtig. Ich erinnere mich noch an einen Bekannten, dem ich mal seine Herrenmensch-Allüren vorhielt. Sein Kommentar? ‚Ich bin halt so!‘ Und das fand er auch noch vollkommen richtig. So wie auch ich vollkommen richtig finde, wie ich bin. Doch um das wirklich zu wissen brauche ich andere, die mir mich selbst spiegeln. Außer, … aber dazu später.

Wirklich Motorrad fahren kann ich nur, wenn ich mich drauf gesetzt, den Motor gestartet habe und losgefahren bin. Doch das alles kann ich nicht aufgrund meines fahrerischen Könnens, sondern auf Grund der Umstände um mich herum: Wetter, Straße, Ziel, Verkehr, Begleiter. Mein Motorrad und ich sind nur so etwas wie meine Charakterstruktur, die Umstände lassen mich dann fahren – oder im ganz normalen leben sein, wie ich eben bin.

Habe ich kein Benzin im Tank, werde ich nicht fahren können. Genauso werde ich meine Charakterstruktur nur unter ganz bestimmten Umständen ‚ausspielen‘, nämlich dann, wenn alles zusammenpasst. Ich sage dazu immer ‚Wenn der Affe Zucker bekommt‘, wenn ich also Sprit in meinem Charaktersystem habe. Das merke ich aber nur, wenn jemand beiläufig bemerkt ‚Man, du warst aber heute mal wieder drauf …!‘ Darum nehme ich Aussagen anderer über mich mittlerweile grundsätzlich ernst, unterstelle, dass sie stimmen können und verifiziere sie.

Interessanterweise steckt ja fast immer ein Stück Wirklichkeit drin, selten, dass eine Bemerkung voll daneben ist. Lehne ich eine solche gleich ab, dann weiß ich, dass sie wohl zutrifft. Nur wenn mich jemand trifft denke ich nicht darüber nach und reagiere sofort. Was bei Gesprächen ja wirklich nicht erforderlich ist. Ist übrigens auch eine Charakterstruktur, sich immer anzuhören, was andere zu sagen haben, vor allem, was sie über einen selbst sagen.

Was hat mich jedoch dazu gebracht? Denn früher hatte ich diese Charakterstruktur garantiert nicht. Habe ich irgendwann erkannt, wie ich tatsächlich war? Scheinbar ist das so gewesen. Was natürlich die Frage aufwirft, ob ich das selbst erkannt habe, also aus mir selbst heraus. Das ist wahrscheinlich so wie ich noch lange nicht Motorrad fahren kann, nur weil ich den Führerschein und ein Motorrad habe. Da musste auch von außen etwas dazu kommen; etwas, das mich aus meinem Gewohnten heraus brachte, etwas, das mich heftigst irritiert und mir indirekt klar gemacht hat, dass ich an einem Scheidepunkt angekommen bin.

Entweder weitermachen wie bisher und dabei still und leise untergehen – oder etwas anders machen. Doch eine Frage bleibt: Was löst das aus? Das kann die verschiedensten Gründe habe, nur vorhersagen lassen die sich sicher nicht. Das Erfreuliche ist, dass, sollte uns mal die Einsicht ereilen, wir nicht verdammt sind so zu bleiben, wie wir gerade sind. Auch wenn wir ein ungeheures Beharrungsvermögen haben, können wir uns dennoch verändern „Das Gehirn ist ein permanent lernendes System“, sagt etwa Joachim Bauer, Professor für Psychoneuroimmunologie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. Denn, so Bauer, „Jede markante Erfahrung verändert die synaptischen Verschaltungen im Nervenzellen-Netzwerk.“

Für den Psychotherapeut Mathias Jung ist das sicher so, dass wir unseren Charakter auch noch später formen können. Einerseits ist der Charakter zwar Schicksal – weil man sich seine Kindheit nicht aussuchen kann, und da finden sich nun einmal die Strukturen, die uns haben werden lassen, wie wir erst einmal sind. Andererseits ist es vielleicht die große Aufgabe des Menschen, sich in einem Entwicklungsprozess selbst zu erkennen und zu verändern, zurückzuschauen und zu fragen: ‚Wie bin ich das geworden, was ich bin?‘ Doch dazu brauchen wir das dialogische gegenüber.

Wie sagt doch Friedrich Nietzsche? ‚Eine Schlange, die sich nicht häutet, stirbt.‘