Wer bin ich, wenn ich kein „Ich“ bin?

Ich bin eine Community, keine einzelne Person! Sagt Dr. Bruce Lipton, seines Zeichens Biologe. Und nicht er sagt das. Er meint damit nicht, dass ich eine Community wäre, weil ich mit anderen Menschen zusammenleben würde und nicht ich aus mir selbst heraus existieren könnte, nein, er meint das ganz pragmatisch nur auf mich bezogen. Nehme ich einmal meine Haut als Grenze dieses „ich“ an, dann ist dieses „Ich“ kein „ich“ sondern eine Community.

Den Satz sagt er zu Beginn eines Videos, geht dann aber nicht weiter darauf ein. Lieder, denn bereits in dieser kurzen Aussage steckt eine gewaltige Kröte für mein permanent auf Selbstverteidigung getrimmtes Ego drin. Es gibt mich als Individuum überhaupt nicht, kann es gar nicht geben. Erinnert mich total an Fußball, da gewinnen auch immer wir, wenn die Nationalelf gewinnt, aber die verlieren, wenn sie verlieren. Wenn es mich jedoch als Individuum überhaupt nicht gibt, gibt es ja auch dieses Ego nicht. Kein Wunder, dass dann Ich und Ego die Krise kriegen, sich miteinander verbünden und wie wild um sich schlagen.

Als ich das erste Mal hörte, dass es mich gar nicht geben würde, passierte genau das. Begegnet ist mir der Satz bei den Zen-Menschen, doch wirklich in mein Denken integriert habe ich ihn erst, als mir die Quantenphysiker, Neurowissenschaftler, Bewusstseinsforscher, Systemiker und eben die Biologen mit all ihren Erkenntnissen über den Weg liefen. Mit Philosophen zu diskutieren ist ja ganz spassig, man kann das glauben, was sie sagen oder eben auch nicht, mit Wissenschaftlern ist dann aber schon schwieriger. Was sie so sagen ist nicht so einfach von der Hand zu weisen, die wedeln dann immer mit ihren Beweisen herum. Außer natürlich, man deklariert gleich alle Wissenschaftler als doof und hat endlich seine Ruhe vor ihnen. Aber das ist mir zu trivial, also habe ich das Diskutieren sein lassen und mich auf diese Gedanken eingelassen, jedenfalls so lange, bis ich kapiert habe, was sie mit dem meinten, was sie sagten, um das dann in meinem Leben zu verifizieren. Ohne diesen Praxistest kommt mir nichts mehr in mein Hirn.

Mit der Zeit habe ich mich dann auch immer mehr an den Gedanken gewöhnt, scheinbar von einander getrennte Dinge als das in sich differenzierte Eine anzusehen. Bei manchen Dingen fällt mir das leicht, bei anderem nicht und bei wieder anderen sträubt sich gewaltig etwas in mir dagegen. Oft bin ich mir bewusst, dass es „eigentlich“ ganz anders ist, als das, was mein Verhalten darüber verrät, was ich in den tiefen Schichten meines Denksystems so denke. Nicht-bewusst eben. Aber es ist wirklich sehr, sehr schwer, ein wirkliches Bewusstsein für die Community zu erzeugen, die ich doch bin. Jedenfalls für mich ist das eine echte Herausforderung.

Ich bin also viele. Aber was heißt das? Ist das nicht verdammt schwierig, für so viele zu denken? Ja, das ist es definitiv. Mit der üblichen, mechanistischen Denkweise funktioniert das definitiv nicht. Weiter gekommen bin ich erst, als ich mich daran gewöhnt habe nicht in linearen, sondern in komplexen Strukturen zu denken. Dabei zeigen komplexe Systeme vor allem folgende Eigenschaften: Agentenbasiert, Nichtlinearität, Emergenz, Wechselwirkung (Interaktion), Offenes System, Selbstorganisation, Selbstregulation, Pfadabhängigkeit und Attraktoren. Kann man bei Wikipedia nachlesen (und empfehle ich auch, wenn Sie es noch nicht getan haben sollten). Nur darf man diese Begriffe nicht als Argumentation  für einen neuen Mystizismus verwenden, sondern als Grundlage eines neuen Denkens. Also dann! Packen wir den Stier bei den Hörner! Nun gut, nicht wir, aber ich! Ich kann ja nur für mich sprechen.

Komplexes Denken ist angesagt, um die Situation begreifen zu können.