Wer denkt, spricht und nimmt wahr, wenn nicht ich?

Immer nur ich? Ja, immer nur ich. Das ist die eine Seite der Wirklichkeit, die andere aber ist, dass wir mit allen und allem anderen Eins sind. Nur ist dieses Eine eben in sich differenziert, was leider oft nicht wahrgenommen wird. Zwei ‚Wahrheiten’, die beide zutreffen, doch gesehen wird meist nur eine, was aber unzutreffend ist. Und da sage noch einmal jemand, das Leben sei nicht paradox. Oder doch ‚nur’ komplex?

Wer meinen Blog liest, der weiß, dass ich kürzlich in einer Aufstellung war. Und in dem darüber Nachsinnen kam auch die Frage auf, wer da eigentlich denkt, redet und wahrnimmt. Dass ich dabei ja nicht ich selbst war, sondern eine Rolle hatte, das will ich erst einmal ausblenden. Wenn ich also von ‚ich‘ spreche, dann meine ich die andere Person, für die ich Stellvertreter war. Ich war in einer Konfrontation mit einer Frau, wobei mir absolut klar war, dass etwas nicht stimmte, sie ‚log‘, gleichwohl hätte ich nicht sagen können, was sie empfand oder dachte und auch was ich empfand hätte ich nur sehr schwer bis kaum in Worte fassen können.

Es war wirklich (erst einmal) paradox. Ich hätte nicht sagen können, was falsch lief, ich wusste nur, dass etwas falsch lief, dass etwas nicht stimmte. Es war, als würde mich das, worum es ging, dirigieren, so wie es idealerweise der Tanz ist, der definiert, wie Mann und Frau sich zu verhalten haben, wenn sie einen Tango tanzen. Weder der Mann noch die Frau führt, sondern der Tanz. Interessant ist, dass man sich sowohl beim Tango wie auch bei einer Aufstellung einlassen können muss, soll etwas Gescheites dabei herauskommen.

Sich einzulassen heißt nichts anderes, als die eigene Meinung einfach einmal außen vor zu lassen und sich von dem führen zu lassen, was angesagt ist. Das ist für den üblichen gesunden Menschenverstand erst einmal eine gewaltige Kröte, die man da schlucken soll. Aber jeder, der einen Flow kennt, weiß, dass es ohne eigene Meinung besser geht. Was nicht bedeutet, dass man dann willenlos und ausgeliefert wäre! Ganz im Gegenteil! Ich muss das jedoch klar auseinanderhalten können. Derjenige, der etwas empfindet, das bin ich. Was ein anderer empfindet weiß ich nicht. Auch was ich denke (ohne dass mir das bewusst wäre) und sage kommt nur aus mir, über den anderen weiß ich nichts.

Doch wahrscheinlich gerade, weil ich nicht darüber spekuliere, was der andere empfindet oder denkt, kann ich selbst überhaupt in einer derartigen Tiefe wahrnehmen. Das ist jetzt nicht nur in Aufstellungen so, sondern immer dann, wenn ich in einem dem Flow ähnlichen Zustand komme. Am ehesten funktioniert das, indem ich gerade keine Meinung habe, sondern es einfach geschehen lasse. Dann agiere und reagiere ich ideal.

Es geht aber noch weiter. Wenn ich so ohne nachzudenken agiere, also vollkommen intuitiv, dann scheine ich auch das zu gestalten, was ist. Aber nicht entweder oder, sondern beides nebeneinander. Schwer vorstellbar. Aber genau so scheint es zu sein. Doch die Bedingung dafür, dass ich gestaltend Einfluss nehme, das ist, dass ich genau das nicht tun will, nämlich gestaltend Einfluss nehmen zu wollen. Ich weiß, dass ich fraglos Einfluss habe, doch nur, wenn ich nicht die Absicht habe, Einfluss zu nehmen. Ganz schön paradox. Oder eben komplex.

Es ist, wie Nazim Hikmet es in diesem Gedicht ohne viel Worte auf den Punkt bringt, denn wir sind gleichermaßen eins wie auch alles:

Leben
einzeln und frei wie ein Baum,
und brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Das alles zu verstehen geht ja noch, aber danach zu leben ist schon schwieriger. Eigentlich extrem schwierig, denn die Versuchung ist groß, wieder weiter zu machen wie bisher auch. Jedenfalls bei mir ist das so. Doch wenn ich wirklich leben will, dann muss ich da wohl durch und endlich lernen, die Welt anders zu sehen, also anders zu denken. Doch das ist nicht so einfach. Es ist wie in der Nirwana-Sutra beschrieben. Man kann sich noch so sehr in den Geist versenken, aber ohne ein ausreichendes Verständnis wird man kaum da ankommen, wo man eigentlich ankommen möchte. Doch die Versenkung nicht zu suchen und es bei einem intellektuellen Verständnis zu belassen ist auch nicht besser, es macht einen nur überheblich.

Es geht also darum, jedenfalls ist das meine Ansicht, (explizites) Verständnis mit (impliziter) Versenkung in Verbindung zu bringen. Dann können das „Ich“ und das „Wir“ gleichermaßen nebeneinander sein. Aber eben beide, nicht entweder das eine oder das andere.