Weshalb ich tue, was ich tue

Und wie ich das anders gestalten könnte, wenn ich es denn wollte. Das hat ganz offensichtlich etwas mit meinem Gehirn zu tun. Also muss ich mir erst einmal darüber im Klaren sein, wie mein Gehirn arbeitet, wenn ich etwas ändern will in meinem Leben. Die Art, wie ich mich bewege, wie ich koche oder wie ich Auto fahre, all das hat ganz unmittelbar mit meinem Gehirn zu tun. Dort nämlich fängt es an.

Das Gehirn entscheidet vollkommen eigenständig, was zu tun ist. Würde es das nicht tun, kämme ich beim Autofahren nur im Schneckentempo vorwärts, zu sehr wäre ich mit hin und her überlegen beschäftigt. Daher macht das Gehirn gewohnheitsmäßig genau das, was es eben bisher immer so gemacht hat, einfach deshalb, weil es das so gelernt hat. Ich kann mir zwar über dies oder jenes Gedanken machen und die auch für vollkommen richtig halten, doch ob ich es tue, das folgt anderen Regeln. Leider wird das leicht übersehen.

Über das, was ich tue, habe ich nämlich keine willentliche Kontrolle. Ich funktioniere exakt so, wie mein Gehirn organisiert ist. Das erklärt ja auch, warum viele für Nachhaltigkeit sind, aber trotzdem nicht nachhaltig handeln, etwa wenn sie einkaufen. Und genau deswegen sind wir manchmal so schrecklich inkonsequent, nicht weil wir unehrlich wären, sondern weil wir ‚vergessen‘ haben, dass unser Gehirn anders handelt, als wir bewusst denken. Überlegungen wollen eintrainiert werden, sollen sie zu einem entsprechenden Handeln führen.

Das ist das definitiv erfreuliche, mein Gehirn ist nicht auf das festgelegt, was es einmal intus hat, es kann sich auch neu und anders organisieren. Wohlgemerkt, ‚es’ kann sich anders organisieren, nicht ‚ich’. Es liegt auf der Hand, dass das nicht einfach so geht. Begreifen kann ich manche Dinge blitzartig, doch der Weg in den Fundus der Gewohnheiten, auf den mein Gehirn im Tun zurückgreift, ist ein anderer. Wie heißt es doch so schön? Gelernt ist gelernt. Genau so ist es. Also muss ich meinem Gehirn erst einmal beibringen, sich zukünftig anders zu entscheiden, ich muss also eine neue Gewohnheit einstudieren. Mein bewusstes Wollen und mein (zukünftiges) Tun sind sozusagen zwei Instanzen in mir, die nicht unbedingt das Selbe denken. Die zwei Seelen in der Brust von uns Menschen hat ja nicht nur Goethe schon zum Nachdenken gebracht. Unsere Gewohnheiten entziehen sich erst einmal dem bewussten Zugriff. Also zwei Seelen.

Wenn ich mal von dieser Differenzierung ausgehe, dem unbewussten Tun-Denken und dem bewussten Wollen-Denken (wobei hier nicht Nachdenken gemeint ist!), dann ist das ein wenig so, wie wenn Papa oder Mama mit ihrem kleinen Kind reden. Meinen Enkel Paul bekomme ich mit seinen drei Jahren wesentlich schneller dazu etwas zu tun, wenn er dafür ein Eis bekommt, als wenn ich ihm eine Strafe androhe. Kleine Kinder sind übrigens ein sehr gutes Beispiel dafür, wie unser Tun-Denken funktioniert. Einer der Gründe, sich damit intensiver zu beschäftigen ist ja auch, dass Kinder ganz oft sehr leicht in einen Zustand des Flow kommen, was den Erwachsenen oft gar nicht mehr so leicht fällt – es sei denn, sie ‚spielen‘. Natürlich im übertragenen Sinn, etwa beim Motorradfahren. Dazu ein Gedanke von Mosché Feldenkrais, mit dem er perfekt ausdrückt, wie das Gehirn ‚funktioniert’:

Um angemessen und schnell zu handeln, brauchen wir Gewohnheiten. Aber blind angewandt oder als wären sie Naturgesetze und daher unabänderlich, sind Gewohnheiten nichts als festgefahrene, fortgesetzte und mit unserer Zustimmung bekräftigte Ignoranz.

Die Vielfalt möglicher Alternativen in unserem Arsenal von Mitteln, Funktionen und Strukturen ist überwältigend. Und doch sind alle unglücklichen Dulder »so geschaffenen wie sie sind«, nämlich wie ihre Gewohnheiten.

Diese sind es, die sie blind machen für die schier unglaubliche Auswahl an Alternativen, die ihnen zur Verfügung stehen. Weil Gewohnheiten nützlich und in ihren Gebrauch so ökonomisch sein können, ziehen wir es vor, sie nicht zu ändern.

Ich brauche also nichts anderes zu tun, als meine Gewohnheiten zu auszutauschen. Je klarer ich das hinbekomme, desto besser. Es geht also um ‚Reversibilität‘, die Fähigkeit inne zuhalten oder zu verändern was immer wir zu einem gegebenen Moment tun. Reversibilität kann man sich als Tun-Qualität ‚zweiter Ordnung‘ vorstellen; es bezeichnet weniger ein Charakteristikum guten Tuns, als vielmehr die Möglichkeit des Übergangs von einem Tun zu einem anderen. Und das geht wesentlich einfacher als ich lange dachte.

Statt aktiv nach einem Ziel zu streben, ermöglicht mir Bewusstheit im Tun die Ziel-Orientierung aufzugeben und mich stattdessen auf die Qualität meines Tuns und den damit einhergehenden Lernprozess zu konzentrieren. Genau das ist das Eintrittstor zum Flow! Bewusstheit in dem, was ich tue! Dieser ‚eigentlich‘ ganz selbstverständliche Seinszustand stellt sich dann erstaunlich schnell ein, wenn ich, wie bereits gesagt, meine Ziel-Orientierung gegen eine Qualitäts-Orientierung aufgebe. Dabei ist die ästhetische Geschmeidigkeit einer Katze, ein Ausdruck ihrer Bewegungs-Effizienz, durchaus vergleichbar, mit der Ästhetik eines Gedankens – oder eines Lebensentwurfes.

Das wäre doch etwas, so zu denken und mich im Gespräch so zu verhalten, wie sich eine Katze bewegt. Einfach ästhetisch. Wir Menschen sehnen uns danach, uns anmutig und schön zu fühlen, genauso viel oder sogar mehr, als wir uns wünschen, kompetent zu sein. Ästhetik ist ein Beispiel für die Bedeutung der Einstellung mir selbst und gegenüber meiner Umwelt gerade dann, wenn es nicht so läuft, wie es laufen sollte. Doch statt mir ein Änderungs-Ziel zu setzen, auch für mich selbst nicht, suche ich ganz einfach Qualität und Ästhetik in mein Denken und damit in mein Tun zu bringen. Qualität und Ästhetik, das wirkt bei mir wie das Eis für meinen Enkel Paul.

Der ‚Rest‘ geschieht dann ganz von alleine.