Wie bin ich geworden, was ich bin?

Lange Zeit über habe ich mich immer gefragt, was ich sein wollte, doch erst spät habe ich begriffen, dass das die falsche Frage ist.

Erst einmal geht es darum, zu erkennen, wie ich überhaupt bin. Auf diese Frage bin ich gekommen, als ich mich mit einem Bekannten über unsere Schulzeiten unterhielt. Wir waren beide Internatsschüler, doch auf sehr unterschiedlichen Internaten, denen vollkommen verschiedene Konzepte zugrunde lagen.

Irgendwie wurde ich darauf das Gefühl nicht mehr los, dass er heute mit über 70 noch immer von dieser Zeit geprägt ist. Und ich fragte mich, ob auch in mir meine Internatszeit noch erkenn- und spürbar ist. Jedenfalls sind die Erfahrungen, die ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe, immer wieder grundlegend für meine persönlichen Entscheidungen, Ansichten und Überzeugungen gewesen. Das definiert den Kontext, in dem ich mich bewege.

Entscheidend sind allein meine Reaktionen

Doch die entscheidende Frage ist, wie ich darauf reagiere. Das ist allein meine Entscheidung – vorausgesetzt, ich bin mir dessen bewusst. Sonst reagiere ichsüchtig automatisch, was wiederum bedeutet, aufgrund meinen Erfahrungen zu reagieren. Das bedeutet nichts anderes, als Vergangenes zu nutzen, um das Jetzt zu gestalten. Auf diese unreflektierte Weise projiziere ich die Vergangenheit in die Zukunft – wieder und wieder. Aus diesem fatalen Kreislauf komme ich nur heraus, wenn ich mich selbst vergessen kann und intuitiv handeln kann.

Das wiederum setzt voraus, dass ich mich aus der Vergangenheit gelöst habe. Das gelingt mir nicht durch Nachdenken, sondern allein durch einen wirklich freien Geist, einen Geist, der weder beurteilt noch wertet. Doch das kann ich nie wissen, ob mein Handeln tatsächlich frei von Elementen der Vergangenheit ist oder sich noch irgendwelche Absichten darin verbergen. Das einzige, was ich wirklich tun kann, ist darauf zu achten, mich in allen Situationen stimmig zu verhalten, also die entsprechende Kultur zu leben.

Meine Form ist meine innere Haltung

Es ist also keine Frage, die ich durch eine Entscheidung beantworten könnte, sondern alleine durch mein grundsätzliches Verhalten und meine innere Haltung. Das ist die Form, die die gewünschten Inhalte generiert, auf die ich selbst keinen unmittelbaren Einfluss habe. Es geht also nicht nur darum zu sehen, wie ich geworden bin, sondern vor allem um die Frage, wie ich dann sein will. Doch dieses „Wie“ fragt nicht nach den Inhalten, sondern nach der Form. Die Frage ist also, wie ich frei sein kann, ungebunden.

Mit anderen Worten: Sein, der ich bin.