Wie kann ich mich auf Neues einlassen?

Ich brauche dafür definitiv den Mut, mich selbst in Frage stellen zu lassen. Heisenberg hat dies in seiner höflichen Art so ausgedrückt: „Wenn wirkliches Neuland betreten wird, kann es aber vorkommen, dass nicht nur neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern sich die Struktur des Denkens ändern muss, wenn man das Neue verstehen will.“ Wenn ich es korrekt beurteile, dann haben die Quantenphysiker der ersten Stunden alle miteinander ihr Weltbild komplett geändert. Interessant ist, dass ihre Nachfolger sich bis auf wenige Ausnahmen allein darauf konzentrierten, die neu gewonnen Erkenntnisse anzuwenden, aber es interessiert sie scheinbar nicht mehr oder nur sehr wenige, die damit einhergehenden fundamentalen Fragen zu reflektieren.

Doch mich auf diese fundamentalen Fragen einzulassen bedeutet eben, dass diese Fragen mein Selbstverständnis sehr wahrscheinlich total in Frage stellen werden. Denn diese Fragen, die die Quantenphysik aufwirft, entziehen meinem eigenen Selbstverständnis die Basis. Alles, was ich bisher als vollkommen selbstverständlich angesehen habe, ist es nun mit einem Mal nicht mehr. Jedenfalls mir ging es so. Zuerst dachte ich wohl, ich müsse mich neu erfinden, fühlte mich vollkommen verunsichert. Doch das war es nicht, überhaupt nicht.

Je mehr ich mich auf diese fundamentalen Gedanken einlassen konnte, ihren fundamentalen Charakter auch wirklich akzeptierte, desto klarer wurde mir, dass mir diese Gedanken nicht etwa die Basis entzogen. Sondern mir wurde immer deutlicher, welche Möglichkeiten ich nutzen könnte. Bevor ich sie jedoch überhaupt nutzen kann, muss ich dieses Denken erst einmal in mein Gehirn bekommen. Das bedeutet, dass ich all das loswerden muss, was dem widerspricht. Und das ist eine Menge. Es fängt zum Beispiel bei unserer Sprache an. Jedenfalls bei der deutschen Sprache ist es so, dass die ganz klar völlig anderen Strukturen folgt als die moderne Physik, sie folgt nämlich der Physik Newtons.

Das macht sie nicht falsch, aber unvollständig. Viele Prozesse, über die es sich zu sprechen lohnt, genügen nach wie vor mechanischen Strukturen und sind damit auch gut zu händeln, nicht aber die Prozesse, die uns selbst ausmachen. Wir sind nun einmal hochgradig komplexe Systeme, und solche Systeme lassen sich mit mechanischen Denkstrukturen nur oberflächlich, nicht aber in der Tiefe verstehen. Das Wichtigste dabei ist wohl, dass man unser Verhalten zwar beschreiben, nicht aber definieren kann. Damit wäre es vorhersagbar, was es aber nicht ist.

Vielleicht steckt da ja das Problem drin, warum wir Menschen so große Schwierigkeiten haben, uns auf solche Gedanken einzulassen. Es ist ja nicht nur, dass andere nicht kalkulierbar sind, wir selbst sind es dann ja auch nicht. Wer stellt sich schon gerne hin und räumt coram publico ein, dass er sich selbst nicht kennt? Ganz ehrlich, ich bin immer wieder erstaunt über mich selbst, wie schwer es mir fällt, meine eigenen Muster zu durchbrechen beziehungsweise einfach zu lassen, wenn sie keinen Sinn machen.

Es ist schon witzig: Wir kennen zwar die Knöpfe, die wir drücken müssen, um einen anderen aus der Fassung zu bringen, aber wir kennen die Knöpfe nicht die wir drücken müssten, um uns selbst nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Unser sogenanntes Ego (was immer das ist) ist ganz einfach verdammt mächtig und beherrscht uns wirklich gnadenlos. Bis wir bereit sind ihm Paroli zu bieten und uns endlich auf Neues, also völlig Unbekanntes einlassen. Etwa, dass wir keine willentliche und bewusste Kontrolle über uns selbst haben. Kontrolle hat nur unser sogenanntes Unterbewusstsein. Das müssen wir trainieren, aber wir können es auch.

Es ist absolut nichts gegen Wissen und Verstand einzuwenden, nur dürfen die beiden nicht alleine gelassen werden. Sie brauchen definitiv ein Unterbewusstsein, das so geschult ist, dass es genau das tut, was ich mir wünsche, dass es das tut, auch wenn ich nicht darüber nachdenken kann. Also automatisch. Immer dann, wenn ich etwas tue, tue ich das automatisch, da ist ein Eingreifen durch den Verstand oder die Vernunft unmöglich. Sich darauf einzulassen ist die eigentliche Herausforderung.

Doch dazu braucht es Mut. Definitiv.