Wie kann ich über das eigene Denken nachdenken?

Ich muss abstrakt denken, will ich über mein eigenes Denken nachdenken. Sobald ich dabei an konkrete Ereignisse denke, fliege ich aus der Kurve. Ich kann mich nie beim Denken selbst beobachten Es geht dabei also nicht um Inhalte, sondern allein um die Form, die Struktur. Das ist die Conditio sine qua non, die nicht hinweg denkbare Bedingung, will ich über mein eigenes Denken nachdenken.

Ich will versuchen, das an einem Beispiel deutlich zu machen. Als ich vor knapp 4 Jahren Motorradfahren lernte, war es für mich ausgesprochen schwierig, mich darauf einzulassen. Denn das bedeutet, mich so richtig in die Kurve zu legen, was für uns Menschen erst einmal widernatürlich ist, ein vollkommenes „No go“ denn bei 20° Schräglage ist biologisch Schluss; dann nicht anzuschauen, was mir im Weg war, denn das ist das sicherste Mittel, es zu treffen, sondern eben daneben; in einer Kurve nicht zu bremsen, wenn ich zu schnell bin, denn dann fahre ich zielsicher geradeaus und in Richtung Graben, und, und, und … . Aber ich bekam das einigermaßen in den Griff – weil ich über die Struktur des Motorradfahrers nachdachte.

Was hatte ich gemacht? Ich folgte eben nicht dem Rat vieler, damit aufzuhören, darüber nachzudenken, sondern einfach zu machen und zu üben, sondern ich dachte intensiv darüber nach – aber wenn ich nicht fuhr. Und ich beschäftigte mich mit der Theorie, etwa den Kammschen Kreis, las Bücher über Kurventechnik und so weiter und so fort. Ich studierte Motorradfahren auf dem Trockenen. Und meine Prüfung bestand ich, weil ich die Fahrmanöver im Vorfeld mental übte, die mir schwer fielen, so wie Boris Becker seinerzeit seine Spiele durchspielte, bevor er sie spielte.

Ich lernte relativ schnell Motorrad zu fahren, gerade weil ich mich abstrakt damit auseinandersetzte. Ich beschäftigte mich mit der theoretischen Form und erst, wenn ich die begriffen hatte, beschäftigte ich mich mit den Inhalten, setzte mich auf das Motorrad und fuhr los. Doch davor entwickelte sich mit der Zeit noch ein Zwischenschritt, dem ich mittlerweile sehr viel Aufmerksamkeit widme. Ich machte aus dem Anziehen meiner Motorradkleidung ein Ritual. Sitze ich nur mit einer Jeans auf dem Motorrad, etwa, wenn ich sie schnell mal aus der Garage vor die Haustür hole, fühle ich mich ausgesprochen unsicher. Ist das nur das Wissen darum, dass ich auch auf diesem kurzen Stück hinfallen und dass das ohne Schutzkleidung übel ausgehen kann?

Oder bewirkt das Ritual wesentlich mehr, etwas ganz anderes? Haben deswegen Zen-Menschen, Mönche oder auch Anwälte und Richter Roben an, um sie in eine andere Haltung zu bringen? Denn genau das ist, was ich selbst für mich wahrnehme, wenn ich mich „herrichte“. Ist meine Motorradkleidung ein Art Habit für mich geworden, ein Begriff, der von dem lateinischen Wort habitusHaltung, Gestalt“ abgeleitet ist? Und wie ist es ganz allgemein mit der Gestaltung meines Lebensraumes, mit Kleidung, Essen, Wohnen? Auch ein eher nicht bewusster Habit? 

Aber ich will ja wissen, wie ich denke, damit dann klar ist, was ich denke! Und genau das machten – möglicherweise, ohne dass es ihnen bewusst war – die Quantenphysiker. Sie untersuchten nicht das philosophische Sein, sondern die Materie und kamen darauf, dass dem eine Form zugrunde lag, mit der sie absolut nicht gerechnet hatten. Und – schwupp – waren auch die fundamentalen Fragen im Raum. Und auch sie hatten einen Habit an – den des Wissenschaftlers, des Untersuchenden. Anders als viele heutigen Quantenphysiker, die dieses Wissen technisch umsetzen – ein ganz anderes Habit!

Aber zurück zu dem Motorradfahren. Erst ergründete ich es theoretisch, dann wandte ich es praktisch an. Doch mit meinem Motorrad-Habit verbinde ich möglicherweise (oder idealerweise?) die Haltung des Untersuchenden mit der des Praktikers.