Wie sollte ich leben?

Wie muss ich leben, wenn ich so sein möchte, wie ich es mir vorstelle? Die Antwort findet sich interessanterweise in einem Buch über japanische Kochkunst, dem Buch „Kaiseki: Die Weisheit der japanischen Küche“ von Malte Härting. Er schreibt darin, dass Kaiseki, die japanische Kunst des Kochens, und die japanische Teezeremonie einen gemeinsamen Ursprung hätten: Den Zen – Buddhismus.

Im Zen oder besser Ch’an wird eine Lebensweisheit vermittelt, die sowohl in der Tee- wie auch in der Kochkunst lebendig sei. Er beschreibt, wie sich in der Beschäftigung mit Zen und dem Teeweg seine Wahrnehmung für die kleinen Dinge, die Zwischenräume und Unterschiede, schärfte. Die Form, so Härting, ist also die Basis für einen unweigerlich hervortretenden eigenen Ausdruck.

Für wichtig halte ich seine Feststellung, dass wir in Europa lange Zeit versucht haben, die Welt zu kategorisieren und zu ordnen. Das ersticke irgendwann das Denken oder koppele es von der Welt ab. Das Denken von Widersprüchen dagegen lässt eine Bewegung entstehen, die nicht endet, sondern hin und her geht .

Dabei geht es um eine eigentlich ganz einfache Erkenntnis: Es ist, wie es ist, und die Dinge sind so, wie sie sind. Was jedoch nicht heißt, dass sie nicht gestaltbar wären. Doch, so Härting, um diese zentralste und einfachste Weisheit des Lebens wirklich zu verstehen, was gewissermaßen einer Erleuchtung gleichkäme, bedarf es schon mal eines kleinen Umwegs – hier den des Teewegs.

Das ist der Kern für ihn, es sei die zentrale Erkenntnis dieser Philosophie. Damit sei alles gesagt. Der Rest sei sozusagen nur noch die Anwendung dieser Erkenntnis auf das Kulinarische, was aber vielleicht auch das Wesentliche ist: Das Wie.

Die Frage ist für ihn, wie man die Dinge auf das Wesentliche reduzieren kann und was eigentlich das Wesen einer Bambussprosse oder eines Fisch ist. Das Wie sei die Qualität, und die wäre in der japanischen Küche hoch. Hier habe die Philosophie des Kaiseki ihren Ursprung.

Und genau das denke ich auch. Es genügt nicht, mir eine Kochjacke anzuziehen und dann zu glauben, dass ich dann wie ein Starkoch kochen könnte. Das kann ich erst, wenn ich seine Philosophie wirklich verstanden habe. Ich bräuchte also zumindest zu Beginn keine Kochbücher, sondern die entsprechenden Philosophie-Bücher.

Eine meiner Schwägerinnen fragt immer nach meinen Rezepten, weil sie die nachkochen will. Doch es gelingt ihr nie, sagt sie, es würde immer ganz anders schmecken. Als ich kürzlich bei ihr zu Besuch war und ihr Essen auf dem Tisch sah, wusste ich warum: Sie kocht eine völlig andere Philosophie als ich.

Und genau deswegen weigere ich mich auch noch, asiatisch zu kochen, denn die dafür notwendige Grundlage, die Philosophie Asiens, ist mir noch nicht wirklich geläufig. Doch seit ich mich mit TCM behandeln lasse und feststelle, dass es tatsächlich wirkt, suche ich die Philosophie dahinter zu ergründen. Habe ich die begriffen, werde ich auch asiatisch kochen können.

Es genügt also nicht, die Zutaten im Schrank stehen zu haben, ich muss auch die Philosophie dahinter verstanden und im Kochen umsetzen können. Mit anderen Worten: Ich muss asiatisch denken können. Übrigens gilt das nicht nur für das Kochen, es trifft auch auf Management-Methoden zu. Einfach auf alles. Doch das geht vielleicht einfacher, als man denken mag.

‚Hilfe‘ kommt aus einer Ecke, wo man es überhaupt nicht vermutet: Der Quantenphysik. Wenn ich den Satz von Härting betrachte, dass unsere europäische Art alles zu kategorisieren und zu ordnen das Denken ersticke und es von der Welt abkoppele, hingegen das Denken in Widersprüchen eine Bewegung entstehen lässt, die nicht endet, sondern hin und her geht, dann ist das genau das, was die Quantenphysiker vor mittlerweile über 100 Jahren auch erkannten, nur eben auf einer ganz anderen Ebene.

Die Philosophie ist ein und die selbe. Wie sie darauf kamen ist letztlich unwichtig, entscheidend ist die identische Erkenntnis: Die Welt gestaltet sich wie ein Tetralemma. Das heißt, wenn ich so leben will, muss ich auch so denken können. Das ist die Bedingung. Dabei ist das einfacher umzusetzen, als ich bisher dachte. Vorausgesetzt natürlich, ich gebe meine bisherigen Gewohnheiten auf.