Wir sollten wirklich einmal miteinander reden

Aber ernsthaft, nicht nur den üblichen Smalltalk und auch nicht ständig unsere Tabu-Themen dabei ausklammernd. Nicht der anderen wegen, sondern unserer selbst wegen. Kürzlich habe ich einen Post geschrieben, der mit diesem Gedanken endete: „ … was wir denken wird Wirklichkeit.“ Beziehe ich diesen Satz einmal nur auf das, was jeder von uns so denkt, dann ist es doch ein Gedanke, der mich sehr, sehr nachdenklich gemacht hat. Es ist für mich keine Frage, dass ich mich durch die Beziehungen gestalte und definiere, in denen ich lebe. In der Beziehung „stecken“ ja sozusagen beide drin, der oder das andere und auch ich selbst. Sind meine Beziehungen durch Konvention geprägt, dann darf ich mich nicht wundern, wenn ich selbst nicht nur oberflächlich und unverbindlich erscheine, sondern exakt so bin.

Auch mit dem Film, das ich mir beispielsweise im Fernsehen anschaue, trete ich in Beziehung – ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Entscheidend ist meine Haltung, genauso wie die, mit der ich anderen Menschen oder der Welt begegne. Denn genau so, wie ich die Welt denke, sind auch meine Beziehungen. Und die sind nun einmal das, was ich erlebe und mein Erleben ist das, was ich doch bin. Selbstverständlich ist das auch das, was der andere erlebt, wenn er mir begegnet. Wie Martin Buber einmal gesagt hat, wir werden „ich“ am „Du“. Ohne den oder das andere kann ich ja überhaupt nicht existieren, ich existiere nur, weil alles andere genauso wie ich selbst existiert. Da sich dabei jedes einzelne Wesen, ein Mensch, ein Tier, ein Vogel, eine Pflanze oder was auch immer nicht selbst erleben kann, sondern immer nur in seinen Beziehungen, sind die genau das, was uns sein lässt, was wir sind. Auch in der Selbstreflexion beschäftigen wir uns ja nicht „nur“ mit uns selbst, sondern gerade mit der Grundlage unserer Beziehungen, unserer Haltung.

Jedoch, so Viktor Frankl, ‚Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.‘ Und, so Frankl weiter ‚Wir müssen lernen, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: Was das Leben von uns erwartet.‘ Ein Gedanke, zu dem ich nur ein Wort anmerken kann: „Stimmt.“ Doch das bedeutet, dass, solange uns eine absolute Wahrheit nicht zugänglich ist, wir uns damit begnügen müssen, daß die relativen Wahrheiten einander korrigieren. Und genau dazu brauchen wir den offenen Dialog. Einen Dialog zu führen heißt, Ansicht neben Ansicht zu stellen, statt in die Diskussion, den Diskurs oder den Disput von Meinung und Antwort einzusteigen. Im Dialog stellt man letztlich keine Fragen mehr, sondern erkennt Antworten auf die fundamentalen Fragen des eigenen Lebens.

Einen Dialog zu führen ist nichts anderes als ohne Geländer zu denken, denken, ohne sich abzusichern und ohne sich hinter den eigenen Ansichten und Meinungen zu verbarrikadieren, sondern wirklich offen zu sein für andere Ansichten, auch dann, wenn sie die eigene bisherige Meinung anzugreifen scheinen oder es tatsächlich auch tun. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass ich nie soweit gekommen wäre, wie ich gekommen bin, hätte ich mich nicht immer wieder selbst in Frage gestellt. Dass ich dafür die Ansichten anderer benutzen konnte, dafür bin ich sehr dankbar. Ein Freund ist doch jemand, der mich in Frage zu stellen vermag und nicht der, der immer einer Meinung mit mir ist. Das fühlt sich zwar schön an, doch es bringt mich nicht weiter im Leben.

Also reden wir miteinander. Aber bitte dialogisch, offen, direkt und auch schonungslos.