Wirklichkeit kann nicht definiert, nur beschrieben werden

Ein Gedanke, der von Schrödinger stammt. Ich glaube jedenfalls, dass er es war, auf jeden Fall einer der frühen Quantenphysiker. Aber egal, denn der Satz hat sich mehr und mehr bewahrheitet. Nur etwas ist scheinbar mysteriös an diesem Satz, denn die heutigen Quantenphysiker arbeiten zwar mit dieser Physik, aber sie denken meist nicht so.

Doch was bedeutet das? Ganz einfach: Nehme ich den Satz für nicht gegeben an, dann heißt das, dass ich glaube, die Wirklichkeit definieren zu können. Dann wären Ereignisse und mit ihr die Wirklichkeit determiniert. Schon Albert Einstein hat das umgetrieben, er wollte einfach nicht daran glauben. Es geht also um Kausalität. Und da streiten sich die Gelehrten. Aber immer weniger.

Schrödinger hat die Auffassung vertreten, dass eben nicht jeder Naturvorgang absolut ist, daraus also kein Kausalitätsprinzip abgeleitet werden kann. Heisenberg vertrat die Ansicht, dass man das Kausalitätsprinzip neu auffassen müsse. Für ihn gibt es Kausalität „in dem Sinne, dass ein mathematisches Schema der Quantentheorie existiert“, aber „nicht als einfache Verknüpfung von Dingen in Raum und Zeit“ interpretierbar.

Dass das so ist hat auch der Dalai Lama nach einem Besuch bei Anton Zeilinger akzeptiert, als dieser ihm einen Versuch erklärt hat, mit dem er (Zeilinger) nachweisen konnte, dass es tatsächlich objektiven Zufall gibt. Also keinen Determinismus, zumindest keinen absoluten. Was den Dalai Lama veranlasst hat festzustellen, dass die buddhistische Lehre insoweit überarbeitet werden müsse.

Er akzeptiert also, was wir wissen und ignoriert es nicht, sondern zieht daraus die Konsequenzen. Was einem eine Menge Respekt abnötigt, denn diese Größe haben nur sehr, sehr wenige Menschen, nämlich einfach zu akzeptieren, was ist, jedenfalls, soweit wir es wissen können. Wenn Sie jetzt denken, dass es doch verrückt sei, nicht zu akzeptieren, was eben ist, dann gebe ich Ihnen vollkommen recht. Aber so sind viele Menschen und beharren leider noch immer auf einem Denken, das von unzutreffenden Annahmen ausgeht, Annahmen, die schon längst widerlegt sind.

Und was jetzt? Was bedeutet das in dem ganz normalen Alltag? Ganz einfach, Ort und die Zeit sind aus physikalischer Perspektive etwas ganz anderes, als das, was ich erlebe. Denn mein Erleben ist nicht Ihr Erleben! Spielt das aber eine Rolle? Könnte ich nicht einfach weiter so tun, als wären die Dinge determiniert? Könnte ich. Aber ich bezweifle, ob das sinnvoll ist. Anders als Tiere und Pflanzen lebe ich ja nicht nur in der natürlichen Ordnung, sondern vielfach in den Vorstellungen, die ich mir von der Welt mache.

Sind die aber nicht stimmig, habe ich ein ernsthaftes Problem, denn dann gehe ich von etwas aus, was so nicht ist. Und das ist gerade da von großem Interesse, wo etwas nicht klappt. Warum bin ich so oft logischen Überlegungen nicht zugänglich? Warum will ich meinen überflüssigen Pfunden mit einer Diät zu Leibe rücken, statt zu akzeptieren, dass etwas ganz anderes der wirkliche Grund ist? Oder meine frühere Unordnung? Übergewicht beispielsweise ist keine Folge eines Zuviel, sondern eher eines Mangels, der nur durch das Zuviel kompensiert wird.

Logisch nicht so ohne weiteres erklärbar, denn was der eigentliche Mangel ist, ist höchst individuell. Das kann Zuwendung sein, aber auch Verständnis oder die schlichte Angst, nicht genug zu bekommen. Wenn ich also etwas beschreiben kann, werde ich mich davor hüten zu denken, ich könnte auch sagen, warum das so ist. Ich hatte eine interessantes Gespräch mit einem Unternehmensberater über Modelle versus Erfahrung. Modelle gehen von determinierten Sachverhalten aus. Die Erfahrung hingegen hält den Meinungs-Ball in der Schwebe und lässt den Klienten seine Antwort selbst finden. Was der natürlich oft gar nicht will, denn an das Persönliche heranzugehen kann ziemlich unangenehm sein.

Aber es wirkt definitiv. Wenn ich also die Wirklichkeit nur beschreiben kann, dann bedeutet das gerade nicht, dass ich sie auch immer erklären könnte. Vielleicht kann das ein vollkommen erwachter Mensch, jemand, der wirklich an nichts mehr anhaftet, aber im Normalfall kann nur der Betroffene selbst darauf kommen, was ihn handeln lässt, wie er eben handelt.

Modelle für menschliches Verhalten führen meist nur in die Irre, absolut selten, dass einmal ein wirklicher Treffer darunter ist. Das funktioniert nur in der Vorstellung dessen, der an Modelle glaubt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Und genau deswegen sind die Zeitungen voll von schlechten Nachrichten. Darüber lohnt sich wirklich, einmal gründlich nachzudenken. Eine Beispiel, das ich gerade gelesen habe: Hätten Sie gedacht, dass ein Mittel gegen Haarausfall noch Jahre, nachdem es abgesetzt wurde, verantwortlich für eine Impotenz ist. Dumm gelaufen. Es ist eben ein Irrtum zu denken, dass Haarwuchsmittel brav nur an der Haarwurzel wirken.

Es ist also an der Zeit zu akzeptieren, dass man Wirklichkeit nur beschreiben kann. Und dann die daraus erkennbaren Konsequenzen ziehen.