Wissen und Bescheid wissen

Einerseits eine verlockende Falle, andererseits eine echte Herausforderung. Auf dem Blog von Wilhelm Klingholz habe ich gerade einen Text über Bescheidwisser gelesen. Ach ja, dachte ich, da kenne ich mich ja gut aus. Schließlich war ich schon von Berufswegen als Anwalt jemand, zu dem die Leute kommen, weil er eben Bescheid weiß. Ich denke, dass die Leute ungern zu einem Juristen gehen, der ihnen sagt, dass er nicht Bescheid wüsste.

Zum Ende meiner beruflichen Laufbahn ist mir das ein Stück weit bewusst geworden und ich habe meine Mandanten immer erst einmal gefragt, was sie denn überhaupt wollen. Was jedoch nicht immer den erhofften Effekt hatten, oft kam dann der Kommentar (nicht die Frage), dass es doch mein Job wäre, das zu wissen. Eine verdammte Ego-Verführung, der nur sehr schwer Stand zu halten ist. Und da ich  immer nur einer bin und nicht viele, war ich natürlich immer so, eben auch im privaten Kontext.

Was mir in der letzten Zeit sehr auffällt, ist die Grenze zwischen Wissen haben und Besserwisserei. Eine echte Gratwanderung. Es gibt einen Bereich des Wissens, der eigentlich nicht diskutabel ist, sondern so ist. Quantenmechanik ist so ein Bereich. Doch die Philosophie, die ich für mich daraus ableite, ist eben kein Wissen, sondern meine höchstpersönliche Philosophie. Mich hinter Hegel und Kant oder auch hinter Buddha oder Hui-neng oder wem auch immer zu verstecken und deren Ansichten wie ein Schutzschild vor mir herzutragen, ist meines Erachtens nach entweder das Fehlen eigenständigen und autonomen Denkens, oder der Versuch, sich damit gut darzustellen- und eben Besserwisserei. Die Grenzen sind fließend.

Es wird nicht dadurch leichter, dass Wissen oder eine durchdachte Philosophie beim Gegenüber durchaus als Besserwisserei ankommen kann, was aber nicht unbedingt an dem Redner selbst liegen muss. Gerade habe ich ein Video von Lars Vollmer gehört, das den guten Titel hatte, dass man mit Fischen besser nicht übers Fliegen sprechen soll. Mit den Worten von Upton Sinclair: „Es ist schwierig, Menschen etwas begreiflich zu machen, wenn ihr Gehalt davon abhängt, es nicht zu begreifen.“ Manchmal ist es eben so, dass das, was jemand sagt, das eigene Weltbild angreift oder auch das, was er macht genauso wie seine Haltung schlicht und einfach in Frage stellt. Und wer mag das schon, in Frage gestellt zu werden? Da ist es wieder, das Wegducken, das in der Konvention für viele so normal geworden ist, dass es gar nicht mehr bemerkt wird, wie relevant es für einen selbst doch sein könnte.

Da gehen manche doch lieber auf Distanz und aktivieren ihre Schutzschilde. In einem Gesprächsraum, in dem es um Wissen und eine ernsthafte Philosophie geht oder gehen soll, ist es notwendig, ein entsprechendes Kommitment zu haben, um ein wirklich ernsthaftes Gespräch überhaupt möglich zu machen, ein Gespräch, das nicht gleich in der Konvention erstickt. Doch dafür muss man sich natürlich überhaupt der gesellschaftlichen Konventionen bewusst sein sowie der Tatsache, dass sie ein wirklich offenes und ehrliches Gespräch im Grunde zwangsläufig verhindern, sofern sie nicht bewusst in Frage gestellt werden.

Aber da muss ich durch, will ich weiterkommen.