Wohin des Weges?

Welchen Weg haben wir in unserem Leben gewählt? Und welchen Weg wollen wir weiterhin gehen? Den Weg der Gewohnheiten oder den Weg des Geistes? Manche werden sagen, na klar, den Weg des Geistes! Doch kann ich mir sicher sein, dass ich ihn auch wirklich gehe?

Da bin ich mir nämlich nicht sicher; bin ich doch regelrecht umzingelt von Gewohnheiten. Aber keinen fremden, nein, meinen eigenen. Vieles ist in meinem Leben zur Gewohnheit geworden, mache ich ganz selbstverständlich, ohne mir darüber noch irgendwelche Gedanken zu machen.

Der destruktive Weg

Ist doch nicht schlimm, oder?“ könnte da die oder der eine denken und sagen. Aber es ist entscheidende Frage, ob das nicht schlimm ist. Denn wir wissen selten bewusst, was wir überhaupt tun, wenn wir etwas tun, jedenfalls nicht in seiner ganzen Bedeutung und Konsequenz für uns wie für andere. ‚Eigentlich‘ sollten wir spätestens seit dem zweiten Weltkrieg klüger sein und es besser wissen. Denn danach wurde sehr detailliert dokumentiert, dass das Böse schlichtweg nicht monströs ist, sondern banal. Und völlig gewöhnlich. In dem Film ‚Das radikal Böse‘ ist das, wie ich finde, hervorragen (und gleichermaßen erschreckend) dokumentiert.

Nach meinem Besuch im KZ Auschwitz / Birkenau habe ich angefangen, eine Biographie über den Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höss zu lesen. Wie war der Mensch, der für die Ermordung von so vielen Menschen einstehen musste, der in Bezug auf die Vernichtung von Menschen, die er für wertlos hielt, keine ethischen Bedenken hatte, der die Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit seiner Taten nie in Frage stellte und nicht davon ausging, dass er jemals dafür zur Rechenschaft gezogen werden würde?

Das Erschreckende für mich ist, dass er ganz normal war, allenfalls mit einer gewissen Gefühllosigkeit. In dem Prozess in Polen wurde er als geduldig, sachlich und leidenschaftslos beschrieben. Charakteristisch für ihn war seine vorauseilende Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, immer im Dienste einer höheren Autorität. Fazit: Ein ganz normaler Mensch. Nichts Besonderes. Einer wie viele.

Und das ist die eigentliche, die wichtige Erkenntnis: Jeder ist vielfach so und kann so werden. Wirklich jeder kann auf eine solche Bahn geraten, die (für andere wie für ihn selbst) schrecklich enden kann, einfach, weil die Gewohnheiten nicht (mehr) hinterfragt werden. Und das fällt oft nicht auf, weil die, die es merken, meist lieber schweigen, als etwas zu sagen.

Der konstruktive Weg

Doch warum schreibe ich das? Darauf brachte mich der Post eines Freundes auf FaceBook über das Gefühl von Freiheit, das Biker zwischen Himmel und Asphalt erleben (können). Dieses Gefühl ist nichts anderes als ein Flow-Gefühl, ein als beglückend erlebter mentaler Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch ein Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust. Eben Motorradfahren.

Aber auch andere kennen dieses Gefühl. Warum sonst gäbe es Extremkletterer? Es ist das „Entrücktsein vom aktuellen Tagesgeschehen“, „das völlige Aufgehen in der momentanen Tätigkeit“ oder „das Verweilen in einem Zustand des glücklichen Unendlichkeitsgefühls“, in dem man für immer oder immer wieder verharren möchte. Da auch kleine Kinder im Spiel einen Flow-Zustand erleben können, würde ich noch die Abwesenheit eines Ich-Gefühls als Kriterium hinzufügen.

Die daraus resultierende Frage

Es ist dabei nicht die Frage, wie man in einen solchen Flow-Zustand kommt. Die ist meines Erachtens nach leicht zu beantworten: Man folgt einfach keinen Gewohnheiten. Absolut keinen. Was man tut, tut man vollkommen bewusst, was jedoch nicht bedeutet, dass man darüber nachdenken würde oder hinterher sagen könnte, warum man etwas getan hat. Im Zustand des Flow denkt man gerade nicht nach, doch man ist absolut nicht auf Automatik geschaltet. Also keine Gewohnheiten, die das sofortige Ende des Flow-Zustandes bedeuten würden.

Wie der Flow-Zustand ‚funktioniert‘ ist also nicht die Frage, sondern wie man ihn verhindert. Die Frage, wie man dort hinkommt, ist nämlich definitiv nicht die Frage, die man stellen muss. Denn es ist ein ursprünglicher Zustand, den jede Katze, jeder Hund und jeder Säugling kennt. Das Problem ist, dass wir in mit unserem gewöhnlichen (!) Leben schlichtweg verhindern. Wie also löse ich mich aus meinen Gewohnheiten?

Wie gesagt, es gibt kein Weg zu dem erstrebten Zustand, den ich aber sehr wohl verhindern kann. Eben durch Gewohnheiten. Doch wie beende ich meine Gewohnheiten? Leicht gesagt, aber nicht unbedingt leicht getan: Durch bewusstes Handeln. Für immer wiederkehrende Tätigkeiten setze ich Rituale ein, bewusste Rituale, die verhindern sollen, dass ich in Gewohnheiten abrutsche.

Das ist, was ich Weg des Geistes nenne.