Worüber reden wir überhaupt?

Über den Inhalt oder die Struktur? Das zu wissen ist wichtig, denn das muss ich ganz genau auseinander halten, wenn ich etwa wissen will, warum ich bin, wie ich bin. Und wie ich vielleicht sein könnte. Will ich also wissen, warum ich tue, was ich tue, muss ich auf mein Denken schauen. Doch mein eigentliches Denken ist mir nicht bewusst, denn Denken ist immer ein Nachdenken.

Einen neuen Gedanken zu entwickeln geschieht alleine durch Nicht-Denken. Willentliches Denken läuft immer hinterher. Schaue ich also nur auf das, was ich denke, kann ich nur in Grenzen Einfluss auf mein Nicht-Denken nehmen. Auf das Denken Einfluss zu nehmen ist ja unmöglich, denn das existiert dann ja schon.

Darin sehe ich den Grund, warum es oft so schwer ist, andere Gedanken zu haben. Jedenfalls mir ging es so. Solange ich mich fragte, was ich denke, hatte ich keinen wirklichen erkennbaren Einfluss auf mein Denken. Das änderte sich erst, als ich mich näher mit der Struktur meiner Selbst beschäftigte. Dabei wurde mir klar, dass ich die Überzeugung von mir selbst auf Begriffen aufbaute, die sich bei näherer Betrachtung als nicht wirklich stimmig herausstellten. Etwa die Trennung von bewusst und nicht-bewusst. Oder dass ich mein Denken kontrollieren könnte. Alles Illusionen, Trugbilder.

Das Denken reflektieren – nicht das Gedachte!

Angenommen, ich möchte reflektieren, warum ich denke, was ich denke, dann muss ich mir ganz grundsätzlich erst einmal darüber im Klaren sein, wo es anfängt, nämlich spätestens bei der Betrachtung einer Zelle. Eine Zelle ist ja ein System und jedes komplexe System benötigt für sein Entstehen und seine Existenz aus seiner Umgebung Energie und Information von entsprechender Quantität und Qualität. Information ist weder Energie noch Materie, jedoch immer an das Vorhandensein von Materie und oder Energie gebunden, die als Träger der Information dienen. Doch damit eine Information Information sein kann, muss sie vom Empfänger erst einmal semantisch korrekt dekodiert werden, das heißt, dass dem strukturellen Muster eine individuelle Bedeutung gegeben wird. Das Wort „Auto“ kann ich ja nur dann richtig verstehen, wenn ich es auch korrekt dekodieren kann.

Durch die (nicht lineare!) Verknüpfung von Informationen kann eine neue Informationsqualität auf einer funktionell höheren Ebene entstehen. Verfüge ich beispielsweise über die Information, was ein Auto kann und dann über die weitere, neue Information, dass ich selbst fahren kann, dann entsteht eine neue Qualität in der Information über meine Beweglichkeit. Dieses sich selbst organisierende Verknüpfen von neuer und bereits gespeicherter Information ist die Basis unseres Denkens, Fühlens, Planens und Tuns. Doch darüber haben wir keine Kontrolle. Auch wenn ein System begrenzt ist, ist es doch stets in ein funktional höheres System eingebunden. Eine Leberzelle in eine Leber, die in einen Körper, etwa mich, der dann in sein soziales Umfeld und so weiter und so fort. Das „letzte“ bekannte System ist das Universum, das kleinste System ist ein Molekül, das sich aber nicht in weitere Systeme aufdröseln lässt.

Ob klein oder groß – das Prinzip ist identisch

Und Systeme haben die Eigenart, permanent miteinander zu interagieren, was sich ja schon aus ihrer Struktur als System ergibt. Sieht man diese Systemeigenschaft etwa von Menschen nicht, sondern sieht jeden als ein eigenständiges Individuum, dann hat man ganz klar ein Problem, denn das bedeutet Zusammenhänge zu ignorieren, die aber nicht zu ignorieren sind. Mache ich das bei meinem Körper, etwa indem ich ihm nicht hilfreiche Informationen zufüge, werde ich, wenn ich Pech habe, letztlich richtig krank, denn die Zusammenarbeit der Systeme funktioniert auf Grund dieser destruktiven Information nicht mehr optimal. Und exakt so ist es auch bei gesellschaftlichen Systemen. Wir befinden uns also in einem permanenten Prozess der Rückkopplung und Wechselwirkung.

Dazu kommt, dass Systeme nach fraktalen Mustern aufgebaut sind, sich ein vorhandenes Muster wiederholt und so größere Strukturen bildet. Und es gibt nichts, was nicht nach diesen Prinzipien aufgebaut wäre. Ich muss mir also darüber im Klaren sein, dass das Gehirn einer Maus nach den identischen Prinzipien aufgebaut ist. Meine Intelligenz, die ich habe und die hoffentlich größer als die einer Maus ist, basiert also auf den gleichen Prinzipien wie die der Maus, mit dem Unterschied, dass mit der Entwicklung der Greifhand sich die Intelligenz des Menschen entsprechend entwickelte. Das bedeutet, dass sich „meine“ Intelligenz durch die Interaktion mit anderen Systemen entwickelt hat, wobei die Interaktion auch und vor allem das ist, womit ich mich beschäftige, was mich also interessiert.

Die Struktur definiert den Inhalt

Was ich heute denke, hängt also davon ab, wie ich mit den Interaktionen in meinem Leben umgehe, also mit meinen Erinnerungen. Erinnerungen kann ich ja glauben, dass sie wahr wären, oder ich sehe sie als das, was sie sind, nämlich Geschichten, die ich aufgrund meiner Interaktionen mit reichlich Emotionen und Interpretationen gestrickt habe. Ändern sich die zugehörigen Emotionen und / oder die Interpretationen, dann ändern sich auch die Erinnerungen komplett. Und bedeutet diese Änderung, dass sie keine Relevanz mehr für mich haben, dann vergesse ich sie wahrscheinlich, jedenfalls werden sie blasser und blasser. Es ist eben nicht so, dass eine Erinnerung die Bedeutung hat, de ich ihr gebe, sondern meine Bedeutungsgebung definiert die Erinnerung als das, was sie ist. Ich bin also mein eigener Geschichtenerzähler.

Und dann ist es manchmal ganz gut, seine Geschichte umzuschreiben. Denn eins darf ich dabei nie vergessen: Existent sind Erinnerungen ja nur im Augenblick des Jetzt. Ich muss sie heute denken, sonst kann ich sie ja nicht haben. Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht. Stimmt, doch ich kann diese Information erst dann sinnvoll nutzen, wenn ich auch die Information zur Verfügung habe, was eine Erinnerung ist und wie Denken überhaupt funktioniert. Dann weiß ich auch, warum ich denke, was ich denke und kann die Informationen zur Verfügung stellen, die hilfreich sind. Das aber sind keine inhaltlichen, sondern strukturelle.

Die Parzival-Frage nicht vergessen

So kann ich mich darüber ärgern, dass ich mich ärgere, weil der Herr Müller mich nicht grüßt, was natürlich weder an seinen noch an meinen aktuellen Emotionen irgend etwas ändert. Doch statt mich über den Inhalt meines Denkens zu ärgern, kann ich die Struktur meines Denkens anschauen und feststellen, dass ich die Parzival-Frage nicht gestellt habe: „Woran leidest Du?“ Eine Frage, die mein egoistisches Denken „Warum grüßt der mich nicht?“ regelrecht umdreht und das süße, kleine aber äußerst destruktive Teufelchen namens „Ego“ immer weiter schrumpfen lässt, bis es sich irgendwann ganz verdünnisiert hat.

Will ich also konventionellen Smalltalk betreiben, dann spreche ich über Inhalte. Will ich jedoch etwas gestalten, dann spreche ich über Strukturen. Spreche ich über Inhalte, dann kann das sehr amüsant sein, über Nicht-Anwesende zu sprechen, doch tut man das über Anwesende, dann ist sehr, sehr schnell Polen offen. Also bitte nichts sagen, was schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in einem anderen wecken könnte,  sondern sich an die Regeln halten. Und das bedeutet, dass die Kommunikation höflich ist, aber eben auch unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Doch über die Strukturen kann ich gefahrlos sprechen, denn wie wollte ich da einen anderen verletzen? Geht nicht, denn das „Ego“ oder „Ich“, das sich angegriffen fühlen könnte, ist ja mit Inhalten identifiziert – und nicht mit den Strukturen. Daher rede ich lieber über Strukturen als über Inhalte. Oder ich stelle eben die Parzival-Frage.

Aber nur ganz leise, denn nur wenige wollen darauf antworten.