Wovon ich ausgehen kann

Und wovon lieber nicht. Mich beschäftigt ja seit geraumer Zeit das Phänomen des „Flow“, der mir auf dem Motorrad immer wieder einmal begegnet. Sie wissen ja, damit ist dieser geistig-mentalen Zustand gemeint, den Extremsportler, Menschen in herausfordernden Berufen, wie etwa Chirurgen, aber auch Kinder und eben Motorradfahrer immer wieder erleben. Gemeint ist damit der Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit.

So formulierte etwa der Spieltheoretiker Hans Scheuerl lange vor Mihály Csíkszentmihályi in den 1950er Jahren Kriterien für das Wesen des Spiels, bei denen er unter anderem das „Entrücktsein vom aktuellen Tagesgeschehen“, „das völlige Aufgehen in der momentanen Tätigkeit“ oder „das Verweilen in einem Zustand des glücklichen Unendlichkeitsgefühls“ hervorhebt, in dem man am liebsten für immer verharren möchte. Der Psychologe Siegbert A. Warwitz hat sich empirisch mit dem Phänomen des Flow-Erlebens in verschiedenen Altersstufen, bei unterschiedlichen Menschengruppen, Tätigkeiten und Beanspruchungsgraden auseinandergesetzt. Dabei kam er zu dem Ergebnis: Das „Urbild des Menschen im Flow ist das spielende Kind, das sich im glückseligen Zustand des Bei-sich-Seins befindet.“ Das in seinem Spiel voll aufgehende Kind spielt nicht nur Robinson, sondern es ist Robinson. Das heißt, dass es sich mit der gespielten Figur total identifiziert und in ihr aufgeht.

Eine Person, die weiß, „was“ und „wie“ sie etwas zu tun hat und deren Fähigkeiten den Anforderungen der Tätigkeit gerecht werden, kann sich ganz auf das Ausführen der Tätigkeit einlassen und in ihr aufgehen. Die Aufmerksamkeit kommt ganz dem Lösen der Aufgabe zugute. Die Person ist nicht mehr abgelenkt durch sozialpsychologisch relevante Gedanken wie „was denken die anderen über mich?“, „wie komme ich an, wenn ich dieses oder jenes mache?“, sondern hat die Chance, sich voll auf die Aufgabenbewältigung zu konzentrieren, ein Tun zu entfalten, in dem eine hohe Übereinstimmung äußerer Anforderungen und innerer Wünsche und Ziele besteht. Mit anderen Worten: Das „Ich-Denken“ hat Pause, wenn ich mich in dem Zustand des Flow befinde.

Aber noch etwas ist mir aufgefallen. Wenn ich mich einmal in einem solchen Flow-Zustand befunden habe und wenn auch nur für einen Moment, dann habe ich darin nie Emotionen verspürt. Forscher haben die menschlichen Emotionen ja in sechs Kategorien unterteilt: Glück, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung. Es sind tatsächlich Gegenpole zum vernünftigen und rationalen Denken und Handeln, aber nicht zum Denken an sich, denn sie sind auch ein Produkt des Denkens. Im Flow erlebe ich das, was die Ch´an-Menschen als Denken durch Nicht-Denken, Handeln durch Nicht-Handeln beschreiben. Es ist ein Feld impliziten, intuitiven Wissens, aber es zeichnet sich durch Abwesenheit von Urteilen und Verurteilen, genauso wie es frei ist von jeglichem Abwägen und Überlegen ist.

Dafür ist es ein Feld höchster Konzentration, von Kreativität und angemessenem Handeln, auch wenn hier Begriffe wie Richtig und Falsch oder subjektiv und objektiv gar nicht erst auftauchen. Doch muss ich dafür jetzt Chirurg werden oder immer Motorrad fahren? Oder sollte ich mir ein Hobby suchen wie Modellboote bauen oder etwas in der Art? Nein, das brauche ich auch nicht. Es ist egal was ich tue, ich kann bei allem, was ich mache im Flow sein. Vorausgesetzt natürlich, ich lasse jede Ich-Bewegung sein. Das bedeutet leider auch, dass ich es nicht wollen kann. Willentlich funktioniert es nicht. Aber ich kann all das lassen, was den Flow garantiert verhindert. Jede Bewertung, auch solche wie „Ach, wie ist das schön!“ et cetera, verhindern den Flow, genauso wie jede Ich-Orientierung. Es ist eine Frage der Ausrichtung und der konsequenten Haltung, das hinzubekommen. Also weiß ich ganz genau, was den Flow-Zustand verhindert.

Und genau das lasse ich. Jedenfalls richte ich danach mein Leben aus. Natürlich gelingt mir das nicht immer, es jedoch als Absicht zu formulieren würde bedeuten, es gleich zu lassen, denn das ist ein Denken in der Zeit. Doch damit kann es nichts werden, denn das wäre ja nur eine Absichtserklärung. Also bitte keine Absichtserklärung. Wovon also kann ich ausgehen? Einmal, dass ich einen Flow-Zustand realisieren kann, wenn auch nicht willentlich. Weiter, dass ich all das konsequent lassen muss, was ihn verhindert, denn es ist „eigentlich“ (siehe Kinder!) ein ganz normaler Zustand. Vor allem ist wichtig, dass ich diesen Zustand nicht nur bei besonderen Tätigkeiten haben kann, vorausgesetzt, ich mache ihn zu etwas für mich normalem.

Aber es gibt neben dem Zustand des Flow und dem alltäglichen, konventionellen Zustand noch einen dritten, den der Meditation und Kontemplation, wobei ich beides nicht unter einem theoretischen Aspekt sehe, etwa einem tradierten Ch´an- beziehungsweise Zen- oder einem theologischen Aspekt, sondern eher unter einem wissenschaftlichen, also einer sehr pragmatischen Fragestellung und Herangehensweise. Ich kann mich ja nicht in einem Flow-Zustand an einer Felswand kletternd oder auf dem Motorrad fahrend befinden und dabei die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten außer Acht lassen. Das funktioniert garantiert nicht. Es gibt aber auch viele andere Themen, etwa was das Leben an sich bedeutet, die nur auf dem Boden der Tatsachen und damit der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse gedacht und beantwortet werden können. Es gibt einen Menschen, der ganz offensichtlich, jedenfalls für mich, beide Zuständen, also den metaphysischen wie den naturwissenschaftlichen, gleichermaßen realisiert hatte. Leider habe ich ihn nie kennengelernt: Meister Eckhardt. Er war nicht nur ein gelehrter Mann, sondern auch ein Mystiker. Er hat es für meine Empfinden verstanden, beide Disziplinen miteinander zu einer zu verschmelzen.

Und genau davon gehe ich aus, dass es das braucht: Die Verbindung von Wissen und Mystik.